Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass im Hochschulsystem fast aller europäischen Länder eine enorme Umwälzung begann: die sogenannte Bildungsexpansion. Hatte bislang nur ein kleiner Teil der Bevölkerung an den Hochschulen studiert, öffneten sie sich nun der breiten Masse; binnen zweier Jahrzehnte verdreifachte sich der Anteil der Studierenden aus einer Kohorte von unter vier auf über zwölf Prozent.

Mit dieser sozialen Öffnung der Hochschulen verband sich auch die Hoffnung auf eine Demokratisierung der gesellschaftlichen Machtpositionen – eine Hoffnung, die sich leider nicht erfüllt hat.

So habe ich in meiner neuen Studie soziale Herkunft, Bildungs- und Karriereverläufe von europäischen Konzernchefs, Regierungsmitgliedern sowie Justiz- und Verwaltungseliten verglichen und festgestellt: Die Spitzenstellungen werden in den meisten Ländern noch immer von den oberen 3,5 Prozent der Bevölkerung dominiert. Die deutsche Exzellenzinitiative wird die Homogenität der Eliten hierzulande eher noch verstärken.

Am meisten abgeschottet sind in allen Ländern die Chefetagen der Wirtschaft: Der Nachwuchs des Großbürgertums stellt über die Hälfte der Vorstandsvorsitzenden in den Großunternehmen. Dazu kommt dann noch ein weiteres knappes Drittel, das in einem bürgerlichen Milieu aufgewachsen ist. Für den großen Rest der Bevölkerung bleibt also gerade einmal jede sechste bis siebte Spitzenposition übrig.

Das gilt für Deutschland genauso wie für Frankreich, für Großbritannien wie für Italien, für Spanien wie für die Niederlande oder Österreich. Lediglich in den skandinavischen Ländern sind die Vorstandsetagen zugänglicher: In Schweden beispielsweise kommt jeder zweite Chef eines Großkonzerns aus der Mittelschicht oder der Arbeiterschaft – und nur jeder vierte aus dem Großbürgertum.

In der Politik sieht es traditionell weniger einheitlich aus. Die französischen Spitzenpolitiker stammen meist aus demselben Milieu wie ihre Kollegen aus der Wirtschaft, und auch in Großbritannien und Spanien behält das Bürgertum die Oberhand. In den Kabinetten der anderen europäischen Länder hingegen saßen lange Kleinbürger und Arbeiter.

Der Trend geht jedoch auch hier in Richtung Verbürgerlichung, wie das Beispiel Deutschland zeigt: Während in der ersten Großen Koalition vor 40 Jahren noch knapp zwei Drittel der Minister aus der breiten Bevölkerung stammten und nur ein Drittel aus der Elite, ist es heute genau umgekehrt. Je mehr die großen Parteien Mitglieder verlieren, desto seltener wird die klassische Parteikarriere, die auch Arbeiterkinder wie Gerhard Schröder nach ganz oben brachte. Stattdessen nehmen bürgerliche Quereinsteiger wie die Justizministerin Brigitte Zypries Spitzenpositionen ein.