ZEIT Campus: Herr von Weizsäcker, für viele Studenten sind Sie der Bundespräsident schlechthin, für viele sind Sie ein Vorbild. Können Sie sich darauf einen Reim machen?

Richard von Weizsäcker: Ich war eben Bundespräsident in der Zeit, in der die heutigen Studenten herangewachsen sind. Da liegt es nahe, dass sie eher an mich denken als an meine Vorgänger.

ZEIT Campus: Aber warum gilt von den aktiven Politikern kaum jemand als Vorbild?

von Weizsäcker: Jeder Amtsinhaber hat seine Stärken und seine Schwächen. Mir ist es verhältnismäßig leichtgefallen, deutlich zu machen, dass wir zwar Parteien brauchen, es aber trotzdem nicht allein da- rum gehen darf, Macht zu erringen. Es muss darum gehen, Probleme zu lösen, sonst verliert die Politik an Zustimmung und Glaubwürdigkeit. Reiner Populismus ist eine Unsitte.

ZEIT Campus: Sie haben immer einen sehr eigenen Weg gewählt, galten oft als Opposition in Ihrer eigenen Partei, der CDU. An welchen Vorbildern haben Sie sich orientiert?

von Weizsäcker: Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, war zweifellos ein Vorbild. Er hat die Bevölkerung in Westdeutschland nach den schrecklichen Erlebnissen der Nazizeit mit einem normalen demokratischen Leben vertraut gemacht. Er war unaufgeregt, human, verantwortungsbewusst und geschichtserfahren – und damit vorbildlich.

ZEIT Campus: Der Wunsch, mit der Geschichte verantwortungsvoll umzugehen – stammt daher Ihre Motivation, sich politisch zu engagieren?