Das Leben ist groß, wenn es Morgen ist in Sinca Noua. Die Sonne steht tief, und aus Transsilvaniens Wäldern steigt der Dunst auf. Wenn sie jetzt ihr Pferd sattelt, kurz vor sechs in der Früh, kann Barbara Promberger unten am Bach noch den Bären sehen. In der Nacht haben ihn die Hunde gemeldet, das unruhige Bellen hat sie zu deuten gelernt. Man hört auf die kleinsten Signale, wenn man so lebt wie die 33-Jährige. Mitten in der Einsamkeit steht ihr Haus; dort, wo Rumänien am schönsten ist und die Natur am üppigsten.

Was sich Barbara Promberger im Dorf Sinca Noua gebaut hat, ist ein Versteck, der Außenwelt weit entrückt. Eine gute Stunde dauert es mit dem Auto bis zum nächsten größeren Bahnhof, aber Zeit ist ohnehin eine Dimension, die nicht zählt in Transsilvanien. Die Maßstäbe sind anders, hier, wo das Leben der Einheimischen in Bauernhütten spielt und auf dem Pferdewagen, mit dem sie zur Arbeit auf ihre kleinen Bergwiesen fahren. Die verwitterten Fassaden in den Dörfern, die aufgetürmten Heuhaufen auf den Wiesen sind das Kapital von Barbara Promberger. Deshalb kommen sie hierher, in ihre kleine Pension: sie, die Gäste aus dem Westen, die hierher reisen wie in eine versunkene Welt.

Um acht Uhr wird das Frühstück aufgetragen. Derweil lässt der Stallknecht draußen auf dem Hof die Pferde aufmarschieren. Sie werden ihre Reiter durch die Wälder tragen, mit ihnen über Feldwege galoppieren, auf denen die Ochsenkarren tiefe Spurrillen hinterlassen haben.

Vor drei Jahren haben Barbara Promberger und ihr Mann Christoph, beide Biologen, Equus Silvania aufgebaut, einen Reiterhof mit Pension. Zum Anwesen gehören zwei Ställe mit 28 Pferden, eine Blockhütte sowie ein großes Wohnhaus. Die sechs Gästezimmer sind luxuriös: Es gibt fließendes Wasser im Bad, eine echte Toilette statt eines Plumpsklos und Vollpension mit Bioessen. 600 Ökotouristen kamen im vergangenen Jahr, die meisten sind gleich eine ganze Woche geblieben. »Was wir hier aufgebaut haben, wäre im Westen undenkbar gewesen«, sagt Barbara Promberger, die gebürtige Österreicherin. Allein schon die Baukosten für ein ähnliches Anwesen wären in ihrer Heimat immens, die Mitarbeiter kaum zu bezahlen. Und vielleicht wäre es dort auch nicht so spannend wie hier in Rumänien.

Junge Absolventen aus ganz Europa entdecken das Land in den Karpaten als neues Traumziel – nicht für den Urlaub, sondern zum Karrierestart. Die Wirtschaft wächst rasant um bis zu sechs Prozent pro Jahr, bei der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer treffen täglich Anfragen von Investoren ein. Allein im vergangenen Jahr haben sich mehr als 900 deutsche Firmen ins rumänische Handelsregister eintragen lassen. Und die meisten Einwanderer kommen aus Deutschland – vom benachbarten Moldawien einmal abgesehen.

Etwa 300 Deutsche melden Jahr für Jahr ihren Hauptwohnsitz in Rumänien an, seit dem EU-Beitritt des Landes im Januar 2007 dürfte sich die Zahl deutlich erhöht haben. Meistens machen sie sich selbstständig, mit besten Aussichten. »Hier herrscht Bedarf für praktisch alles, wofür der Markt in Deutschland schon voll ist«, sagt Peter-Stephan Kertesz, Geschäftsführer des Deutsch-Rumänischen Wirtschaftsclubs in Brasov. Die Stadt an den östlichen Ausläufern Transsilvaniens ist das Zentrum einer prosperierenden Gegend, doch auch hier gibt es viele Lücken auf dem Arbeitsmarkt: Wirtschaftsberater, Computertechniker und Telekommunikationsexperten sind rar in Rumänien, auch der Tourismus steht gerade erst am Anfang. »Absolventen aus dem Westen können sich in Rumänien beruflich besser entwickeln als zu Hause«, sagt Kertesz.

Gewinnen können vor allem diejenigen, die eine Firma aufbauen wollen: Die Startinvestitionen sind niedrig, der Mindestlohn für Angestellte beträgt gerade einmal 130 Euro pro Monat. Selbst wenn eine Geschäftsidee nicht funktioniert, bedeutet das deshalb nicht gleich den finanziellen Ruin. Und wer eine Firma gründet, startet gegen wenig Konkurrenz – und profitiert noch dazu vom positiven Image deutscher Arbeit und deutscher Produkte. Einige Firmen schalten sogar ihre kompletten Anzeigen in deutscher Sprache. Da ist es egal, dass die meisten Rumänen den Text nicht verstehen; die Kernbotschaft kommt beim Kunden an: Das Produkt stammt aus Deutschland.