Was passiert, wenn man sich auf die Spuren der 68er begibt? Experiment Nr. 7: Kochen für alle

Weder Nato-Austritt noch Springer-Enteignung stehen zurzeit auf der Tagesordnung. Die Revolution stockt im Moment ein wenig. Warum nur? Dann las ich bei Rudi Dutschke: "Grundlage jeder revolutionären Tätigkeit sind individuelle, menschliche Interessen." Bewusstseinswandel sei "nur durch die direkte Aktion möglich, durch die provokative, regelverletzende Tat".

Ich musste also etwas Verbotenes tun, das den Studenten zugleich nutzen würde. Aber was? Sollte ich gefälschte Praktikumsbescheinigungen verschenken? Vielleicht Josef Ackermann zwingen, ein kostenloses Bewerbertraining abzuhalten?

Nein, vorerst musste ich in Freiheit bleiben. Ich entschied mich daher, direkt neben der Ekel-Mensa unangemeldet kostenloses Essen zu verteilen. Das würde die Massen glücklich und satt machen und ihnen gleichzeitig zeigen, dass wir auch ohne Geld-Ware-System existieren können. Bald würde ich Nachahmer finden, welche die Studenten kostenlos bekochen würden. So würde die Hamburger Uni zu einer Kommune, einer sich selbst versorgenden Einheit. So hatte das ja mit der Kommune 1 auch begonnen. Ich bat einen Fotografen, mich zu begleiten. Am Abend vor der Aktion kochte ich leckere vegetarische Kartoffelsuppe.

Gegenüber der Mensa baute ich meinen Gaskocher auf und errichtete ein Pappschild : "Suppe – 0 Euro." Ich trug ein T-Shirt, auf dem ein Bügelbrett vor einem roten Stern zu sehen war. Jetzt würde sich zeigen, wer hier am längeren Hebel saß: die mit dem Kapital oder der mit der Leidenschaft.

Nach einer Stunde setzte sich ein älterer Mann zu mir. Er fragte: "Ist die Suppe umsonst?" Ich bejahte, er nickte. "Soll ich dir was sagen? Globalisierung ist dasselbe wie Mafiotisierung. MAFIOTISIERUNG!" Er fragte, ob ich das verstanden hätte, nickte noch einmal und ging.

Den Ersten hatte ich also überzeugt. Bald darauf kam ein Student mit einem Basecap. Er sagte: "Gib mir mal ’ne Suppe."

"Du hast kein Geld, in die Mensa zu gehen, oder?", fragte ich. "Nein, der Fotograf hat gesagt, ich soll dir ne Schale abnehmen. Er fragt, ob er bald gehen kann." Ein Rückschlag. Aber immerhin wurden mittlerweile die anderen Studenten auf meine Aktion aufmerksam, sie zeigten auf mich und lachten. Ich hatte ihnen offenbar vor Augen geführt, wie einfach man kapitalistische Rollenmuster überwinden kann. Dann setzten sich drei Studentinnen zu mir, sie nahmen jeweils gleich zwei Portionen. Ich schöpfte Hoffnung, doch nur kurz, denn als sie gingen, war die Suppe alle. Ich musste die Aktion abbrechen.