Noch nie starb ein Kind so schön wie Chiara. Dass man so schön sterben kann, das hatte Patrizia Caracciolo nicht gewusst. Als sie es erfährt, da steht die junge Ärztin gerade am Anfang ihrer Karriere. Chiara ist 15 und Patrizia Caracciolos Patientin. Chiara wird der Wendepunkt ihres Berufslebens werden.

Die Kinderklinik, in der sie arbeitet, ist nur wenige Meter von Chiaras Elternhaus entfernt. Chiara ist zu Hause statt im Krankenhaus; sie liegt im Ehebett der Eltern. Tagelang, wochenlang. Kerzen erhellen das Zimmer, die Stereoanlage spielt ihre Lieblingsmusik. Sie hat häufig Besuch, immer wieder kuschelt sich der Bruder zu ihr. Die Metastasen fressen sich unterdessen weiter in ihren Körper und ihren Kopf vor.

Und Patrizia Caracciolo steht vor Chiara, in der Hand hat sie Medikamente; Mittel gegen Schmerzen, gegen Krämpfe. Die Technik. Gute Mediziner heilen, so hat sie es gelernt. Patrizia Caracciolo blickt auf das todgeweihte Kind. Und versteht, dass sie etwas nicht gelernt hat: dieses Sterben. "Ich merkte zum ersten Mal, dass der Tod auch gut sein kann", sagt sie.

Seitdem reicht es ihr nicht mehr, nur Kinderärztin zu sein. Obwohl das ihr Traumjob ist, schon in der Schule, und auch später noch, als sie Medizin an der Uni Witten-Herdecke studierte. Patrizia Caracciolo liebt diesen Beruf immer noch. Aber sie sagt, sie brauche "mehr Bedeutung, etwas, das umfassender ist als Husten, Schnupfen, Heiserkeit".

Fünf Jahre später. Das Kinderhospiz Balthasar in Olpe. Eines von zehn Kinderhospizen in Deutschland, vor neun Jahren eröffnet und damit das älteste. Schwungvoll parkt Patrizia Caracciolo an diesem Tag ihren Peugeot vor dem gelb verputzten Flachbau, dann reißt sie die Glastür des Gebäudes auf. Sie ist seit wenigen Monaten Palliativmedizinerin in der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln und betreut schwerkranke Kinder, die keine Hoffnung auf Genesung haben. Nach Olpe kommt sie alle vierzehn Tage, um die Kinder zu untersuchen. In Hospizen ist normalerweise kein Arzt ständig vor Ort; wer in ein Hospiz kommt, den haben die Ärzte aufgegeben.

Acht kranke Kinder wohnen hier, zusammen mit ihren Familien. Die Decken sind hoch, die Möbel und Wände hell, die Zimmer großzügig und unregelmäßig geschnitten. Das Hospiz Balthasar soll kein Krankenhaus für sterbenskranke Kinder sein, sondern ein Zuhause; oft ist es für die Kinder das letzte. Deshalb trägt Patrizia Caracciolo hier auch keinen weißen Kittel, sondern braune Cordhosen, einen beigefarbenen Pulli und Perlenohrringe.

Im Flur bleibt sie stehen und deutet auf die Wände, die mit bunten Hand- und Fußabdrücken übersät sind. In schwarzer Schrift steht daneben jeweils ein Name und ein Datum. Tobi 27.07.99. Katharina 13.03.01. Nils 15.01.02. "Das gehört zu dem Prinzip hier im Balthasar", sagt Caracciolo. "Kein Kind soll vergessen werden. Auch nicht, wenn es tot ist." An der Wand sind sehr viele Abdrücke.