In Kolumbien sind 3000 Menschen in Geiselhaft. Auf dem Lehrplan für Psychologiestudenten steht deshalb auch das Fach "Entführung".

Es könnte alles so schön sein. Das Auditorium hat bequeme Polstersitze. Draußen spielen ein paar Studenten Fußball, andere sitzen auf Metallbänken zwischen ausladenden Grünpflanzen. Doch die Projektion auf der Leinwand zeigt zwei Hände, mit Seilen eng zusammengebunden.

"Wir sind alle potenzielle Entführungsopfer", sagt Leonardo Rodríguez Cely, Dozent am Fachbereich für Psychologie der Universidad Javeriana in Bogotá. "Jeder, der einen Kredit aufnehmen kann, kommt als Opfer infrage." Und wer kein Geld hat auch: Oft verschleppen bewaffnete Gruppen Jugendliche, um sie zu Kämpfern auszubilden.

Kolumbien hat eine der höchsten Entführungsraten der Welt: 2006 wurden 687 Menschen entführt. Zurzeit sind mehr als 3000 in der Gewalt von Erpressern, Guerillas oder Paramilitärs. Einige als politische Geiseln, andere als schnelle Geldquelle. Über 40 Jahre dauert der Konflikt zwischen Rebellen und Regierung schon, und weil ein Ende nicht in Sicht ist, steht hier das Fach "Die psychologischen Folgen einer Entführung in Kolumbien" für alle künftigen Psychologen auf dem Lehrplan. Die Studenten sollen lernen, wie man ehemaligen Entführungsopfern psychologisch beisteht. "Wer in Kolumbien arbeitet, weiß nie, was passiert", sagt Rodríguez Cely. "Ich bin mal angeschossen worden, als ich aus einer Bank kam." Er zieht das linke Hosenbein hoch. Deutlich sind zwei Narben zu sehen. Die Studenten wirken überrascht; ein nacktes Männerbein im Unterricht, damit hatten sie wohl nicht gerechnet.

In der Einführungsvorlesung geht es um den ersten Schritt jeder Behandlung: die Analyse. Rodríguez Cely zählt auf: "Wie grausam waren die Kidnapper? Hatte die Person damit gerechnet, irgendwann entführt zu werden? Welche Rolle hat sie: Vater, Mutter, Kind? Welche Momente waren am traumatischsten?" Ziel ist es, festzulegen, welche Therapie nötig ist, um die typischen Probleme ehemaliger Entführter zu bekämpfen: Schlaflosigkeit, Flashbacks, Desinteresse.

Der Dozent verteilt Zettel, auf denen ein Fall beschrieben ist; Julieta, eine Studentin, die in der ersten Reihe sitzt, liest vor. "Opfer: weiblich. Entführungsdauer: 92 Tage. Ort: Medellín." Julieta ist das Thema nicht fremd. In dem Wochenendhaus ihrer Familie hatten sich einmal Paramilitärs eingenistet und Leute aus der Umgebung entführt.

Julietas Freundin María, die neben ihr sitzt, hat die Angst der Angehörigen erlebt: Ein Freund ihres Vaters wurde entführt, es ging um Schutzgeld. "Er wurde gehalten wie ein Tier", sagt María. Warum sie Psychologie studiert? "Wir haben uns an die Gewalt gewöhnt und sagen: ›Oh, wie schrecklich‹, und das war es. Aber die Angehörigen sind mit ihrem Kummer allein. Dagegen will ich etwas tun."