Viele Proteststudenten von 1968 wurden später Professoren und gehen nun in den Ruhestand. Wohin entwickeln sich die Unis? Besichtigung eines Epochenwechsels

Es ist nur ein Wort, vier Silben, elf Buchstaben, mit ungewohntem Klang. Doch es symbolisiert das Ende einer Epoche, das Ende einer Generation, die die Universitäten so geprägt hat wie keine andere vor ihr. Die Generation heißt "Die 68er". Das Wort heißt "Magnifizenz".

Es war die Semestereröffnung an einer westdeutschen Universität, es ist nicht lang her. Der Rektor sprach salbungsvoll, irgendwann war der Vorsitzende des AStA dran, ein Linker, ein Grüner, er nuschelte so, dass man ihn kaum verstand, doch dieses Wort drang durch. "Magnifizenz", sprach er den Rektor an, "wie Magnifizenz schon ausgeführt haben", streute er ein. Wieso denn nicht?, befand der AStA-Mann später und zuckte mit den Schultern, das sei doch nur ein Ehrentitel, der dem Uni-Chef gebühre. Er meinte das ernst.

"Magnifizenz" heißt auf Deutsch "Großartigkeit", und dieses Wort war über Jahrzehnte allenfalls beim Uni-Karneval erlaubt. Es steht wie kaum ein anderes Wort für ganz früher, für eine Vorform der Uni, wie wir sie heute kennen: die Ordinarienuniversität; die Uni, die die 68er bekämpft und beseitigt hatten – mitsamt Titeln wie "Magnifizenz" und "Spektabilität", der Ehrenanrede für einen Dekan.

Ordinarien waren Lehrstuhlinhaber, und sie dominierten die Universität bis weit in die 1960er hinein. "Der Professor war der Gott, der die unumschränkte Macht hatte", erinnert sich Rolf Kreibich, der 1969 als gerade 30 Jahre alter Assistent zum Präsidenten der Freien Universität Berlin gewählt wurde. "Das System war autoritär, die Professoren trugen Talare, die Studenten siezten sich", berichtet Uwe Wesel, 74, einer der letzten großen Linken der deutschen Universität, 1968 gerade Professor in Berlin geworden.

Und jetzt, "Magnifizenz"? Kommt das jetzt alles wieder, das autoritäre Gehabe, vierzig Jahre nach 68? Gibt es "eine Rückkehr ins Jahr 1964", vor den Aufbruch, wie Uwe Wesel jüngeren Professoren vorwirft? Oder sieht man bloß "schleichende Veränderungen", wie Bernhard Kempen mutmaßt, der Chef der Professorengewerkschaft "Hochschulverband"? Oder ist es "ein notwendiger Schritt", wie der Hamburger AStA-Chef Torsten Hönisch meint, dass die 68er in den nächsten Jahren ausscheiden?

Denn das Ende der 68er an den Unis vollzieht sich in raschem Tempo. Viele derjenigen, die die Studentenbewegung mittrugen, blieben danach an der Universität und wurden Professoren. Sie institutionalisierten das Gedankengut einer Generation. Alle die, die in den 1940er Jahren geboren wurden, werden in wenigen Jahren die Uni verlassen haben. Im Jahr 2000 ging der Prozess los, 2009 ist er zu Ende. Allein in den Jahren 2006 bis 2009 wird mehr als ein Viertel aller Professoren in den Sprach- und Kulturwissenschaften 65 Jahre alt, in der niedrigeren Besoldungsgruppe C2 sind es sogar fast zwei Drittel. In Jura, Wirtschaft und Sozialwissenschaften gehen 22,5 Prozent der C4-Profs über die Altersgrenze; selbst in den Naturwissenschaften treten 17,7 Prozent der Professoren ab; in einem Zeitraum von gerade einmal vier Jahren.

Uwe Wesel war einer der ersten 68er, die in den Ruhestand gingen, 2001 schon, und er ist "heilfroh" darüber. Er sei nicht resigniert, aber verärgert: "Jüngere Kollegen sind vom Geist der 68er abgerückt und lassen sich mit ›Herr Professor‹ anreden." Wesels Fazit: "Wir haben die alte Uni beseitigt, aber wir sind gescheitert."