Hallo, mein Name ist Charlotte, ich bin Alkoholikerin. Zumindest wurde ich in den USA fast davon überzeugt. Alles begann mit einem harmlosen Bier. Zusammen mit Armin und Josef stieß ich im Studentenwohnheim in Washington, D.C. auf das Oktoberfest zu Hause an. Eigentlich ist das verboten, denn unser Campus hier ist "trocken", das heißt: kein Alkohol in den Zimmern. Ein Bier kann so schlimm nicht sein, dachte ich mir. Dann klopfte es an der Tür. Unser Fluraufpasser konfiszierte das Bier. Armin kommentierte die spontane Zimmerinvasion mit dem Ausruf: "Bitte ruft nicht meine Eltern an, ich bin doch erst 27!"

Einige Tage später fand ich in meinem Briefkasten eine Vorladung zum judicial hearing. Mit amerikanischer Freundlichkeit erklärte mir die hübsche 26-Jährige im Büro für juristische Belange meine Rechte: "Du bist schuldig, solange du nicht das Gegenteil beweisen kannst. Erklärst du dich also schuldig?" Meine enthusiastischen Ausführungen über die laxen deutschen Alkoholgesetze überzeugten sie nicht vom Gegenteil; auch nicht Wörter wie Justizirrtum und Fehlurteil – am Ende gab ich auf und erklärte mich schuldig.

Im Flur füllte ich meinen Fragebogen aus. Neben meiner ethnischen Zugehörigkeit interessierte die Juristen vor allem mein Alkohol- und Drogenkonsum. Ob ich lethargisch oder hyperaktiv sei? Ob meine Eltern Alkoholiker seien? Ob ich auch nüchtern Sex haben könne?

Meine so privaten Offenbarungen legte mir das Büro jedoch offenbar als psychologische Schwächen aus. Man erklärte mir, ich müsse mir in der Bibliothek vier Filme ansehen: über Flatrate-Saufen, Marihuana in den 90ern, Tablettenabhängigkeit und Ecstasy. Danach schrieb ich einen Strafaufsatz über den Alkoholkonsum von Queen Mum, die schließlich sehr lange gelebt hatte. Eine der Fragen, die ich beantworten musste, lautete: "Was würdest du tun, wenn ein guter Freund von dir an einer Drogenüberdosis stirbt?"

Danach musste ich noch zur Uni-Psychologin. Nach zehn Minuten Smalltalk stellte sie fest, dass ich kein ernsthaftes Alkoholproblem habe. Ob ich sonst über irgendetwas sprechen wolle, fragte sie, wenn ich schon mal umsonst eine Psychologin besuchen dürfe?

Die Krönung zum Schluss: ein Abend bei den Anonymen Alkoholikern. Zusammen mit Armin und Josef marschierte ich in einen Hinterhof irgendwo in Washington. In dem überklimatisierten Raum empfingen uns Alice, John, Paul und zehn andere Anonyme Alkoholiker mit ihren Geschichten über durchzechte Nächte, Blackouts und Prügeleien. Mir wurde übel. Ich schämte mich, denn ich hatte keine Geschichte zu erzählen.

Das beklemmende Gefühl ließ mich auch nicht los, als wir Händchen haltend im Kreis das Vaterunser beteten, in meiner Linken lag Armins feuchte Hand, meine Rechte drückte Josefs mit aller Kraft. "Vielleicht sehen wir uns früher wieder, als du denkst", sagt mir Alice zum Abschied. Zurück in der Realität auf den Straßen von Washington, unterbrach Josef unser Schweigen abrupt: "So, wo gehen wir jetzt ein Bier trinken?"