Dieselben Aktien oder dasselbe Restaurant: Warum machen wir eigentlich immer das, was alle machen? Das fragt sich Marc Brost

Meine Nachbarn gehen jeden Tag essen. Sie gehen direkt an meinem Fenster vorbei; ich kann sie sehen, wenn ich spätabends in der Küche stehe und mit schweren Armen noch ein Schnitzel weich klopfe. Meine Nachbarn gehen immer in dasselbe Restaurant. Sie sitzen auch immer am selben Tisch. Ich weiß das von anderen Leuten aus unserem Haus, die sie dort schon gesehen haben.

Inzwischen kursieren unter den Hausbewohnern die verschiedensten Erklärungen. Das Schweizer Ehepaar aus dem sechsten Stock glaubt, die beiden hätten im Lotto gewonnen. Meine Frau meint, die zwei hätten sich beim Kauf ihrer Eigentumswohnung verrechnet und dann kein Geld mehr für die Küche gehabt.

Ich glaube ja, sie haben ganz genau gerechnet und bewusst keine Küche eingebaut – weil es günstiger ist, ins Restaurant zu gehen, statt jeden Abend selbst zu kochen. Strom spart man dabei auch. Zugegeben, meine Theorie will im Haus so recht niemand teilen. Es hat aber auch keiner eine Erklärung dafür, warum die Nachbarn immer in dasselbe Lokal gehen.

Vielleicht können sie nicht anders. Der amerikanische Finanzforscher Robert Shiller hat in seinem Buch Irrationaler Überschwang ganz anschaulich beschrieben, warum Menschen in einem bestimmten Lokal landen. Angenommen, man kommt in eine Straße mit zwei Restaurants. Der Abend hat gerade erst begonnen, beide Restaurants sind leer. Man ist das erste Mal in dieser Straße. Womöglich lächelt der Kellner in dem einen Lokal ein bisschen freundlicher. Oder in dem anderen sind die Tischdecken sauberer. Aus irgendeinem Grund jedenfalls entscheidet man sich.

Der nächste Gast muss schon nicht mehr zwischen zwei leeren Lokalen wählen. Er wird sich für das entscheiden, in dem wir sitzen. Es muss ja einen Grund geben, warum wir drin sitzen. Wenn noch ein Gast kommt, sieht der schon zwei besetzte Tische in dem einen und immer noch gähnende Leere in dem anderen Restaurant. Und dann kommt noch ein Gast und dann noch einer, und am Ende sitzen alle im selben Restaurant. Obwohl es vielleicht sogar das schlechtere ist.

Herdentrieb nennt man das. Wir schauen bei unseren Entscheidungen eben immer auch darauf, wie sich andere verhalten haben. Und so wie die Schafe einer Herde lassen wir uns dann nicht nur im Alltag treiben– sondern auch, wenn es ums Geld geht.

Ein guter Freund hat mit sibirischen Ölaktien viel Geld verdient? Dann nichts wie kaufen! So entstehen Spekulationsblasen an der Börse wie im Internetboom des Jahres 2000. Und so kommt es, dass riskante Immobilienkredite in Amerika bis vor wenigen Monaten als bombensicheres Investment galten– bis ein Kredit nach dem anderen platzte, die Banken riesige Verluste machten und nun alle von einer Finanzkrise sprechen.