Roth: Ja, zwischen Temperament, der emotionalen Konditionierung und der sozial motivierten Angst, dass mein Chef mich rauswerfen könnte, wenn ich zu spät komme.

ZEIT Campus: Was läuft dabei genau ab?

Roth: Die beiden unteren Ebenen geben weitgehend den Rahmen für die Vorgänge auf den höheren Ebenen vor. Ein Beispiel: Sie kriegen einen Anruf vom Chef, dass Sie morgen zu einen Termin nach München müssen. Leider hat auch Ihre Freundin Geburtstag. Die kognitive Ebene des Gehirns – ganz oben– erklärt Ihnen ganz unemotional, welche Alternativen Sie haben. Die bewusste emotionale Ebene eine darunter wägt die Konsequenzen ab: Was macht die Freundin, was der Chef bei einer Absage? Die wirklich wichtige Ebene liegt aber noch tiefer im Unbewussten: Dort spielen Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle, zum Beispiel Selbstwertgefühl oder Bindungsvertrauen. Wenn die Beziehung mit dem Lebenspartner die wichtigste Bindung in Ihrem Leben ist, könnten Sie panische Angst bekommen, verlassen zu werden. Oder Sie suchen Anerkennung, sind sehr karrierebewusst, dann fragen Sie sich, was aus Ihnen werden soll, wenn der Chef Sie rausschmeißt. Tief im Gehirn kämpfen frühkindliche Bedürfnisse miteinander.

ZEIT Campus: Ich kann mich also mit rein rationalen Argumenten nicht gegen meine emotionalen Bedürfnisse durchsetzen?

Roth: Nein. Was Sie dagegen tun können: Bewusst Emotionen wachrufen. Stellen Sie sich vor, wie Ihr Chef tobt, wenn Sie den Termin absagen. Machen Sie sich also selber Angst. Emotionen lassen sich nur durch Emotionen bekämpfen.

ZEIT Campus: Wie viele Faktoren kann das Gehirn überhaupt abwägen?

Roth: Auf unserer bewussten Ebene können wir maximal drei, meistens sogar nur zwei Faktoren miteinander verrechnen. Darüber wird eine Entscheidung qualvoll, da wir die Faktoren nicht mehr auf die Reihe kriegen. Es ist beeindruckend, wie begrenzt unser Verstand bei rationalen Entscheidungen ist. Mehr kluge Ratschläge sorgen also eher für weniger Klarheit.