Roth: Aber auch Risikofreude ist etwas, das durch einen sich selbst bestätigenden Prozess gelernt wird. Als Kind ist man noch relativ variabel in seinem Verhalten, aber die Persönlichkeit zieht sich immer weiter zu, weil jede erfolgreiche Entscheidung sich einbrennt und die nächste Entscheidung vorbedingt. Wenn etwas gut läuft, dann merkt mein Gehirn sich das, und so bilden sich Gewohnheiten aus. Diese Gewohnheiten machen Entscheidungen leichter, weil sie nicht mehr bewusst getroffen werden müssen. Die Umwelt wird dadurch übersichtlicher und der Mensch berechenbar. Glücklicherweise. Wir sind auf unsere Mitmenschen angewiesen, und nichts ist in einer Gruppe schlimmer als ein Mensch, dessen Verhalten nicht vorhersagbar ist.

ZEIT Campus: Kann man dieses gewohnte Verhalten überhaupt ändern?

Roth: Nur sehr schwer, nur in begrenztem Maße und nur in kleinen Schritten.

ZEIT Campus: Was ist mit dem Studenten, der jede Hausarbeit auf den letzten Drücker schreibt, obwohl er weiß, dass es falsch ist? Wie kann er sein Verhalten ändern?

Roth: Er muss gegen einen tief sitzenden Impuls arbeiten. Das geht, wenn überhaupt, nur dadurch, dass er sich kleine, erreichbare Ziele setzt und sich danach belohnt. Deswegen sollte er bei einer Hausarbeit auch immer mit dem leichtesten Teil anfangen, das gibt Erfolgserlebnisse – also eine Belohnung –, und das schafft Mut. Das Wichtigste ist, sich immer wieder vorzustellen, wie toll das ist, wenn man fertig ist, einen guten Job bekommt und von der Familie und den Kollegen gelobt wird.

ZEIT Campus: Aber das ist ja nur die Erwartung einer Belohnung. Ist die denn genauso gut wie eine Belohnung selbst?

Roth: Sogar noch viel wichtiger. Was uns antreibt, ist nicht so sehr die Belohnung, sondern die Erwartung dieser Belohnung.