ZEIT Campus: Aber grundsätzlich wäre es möglich, sich selbst so abzurichten, dass man früher aufsteht, pünktlicher ist oder seine Arbeit rechtzeitig erledigt?

Roth: Ob und inwieweit ein Mensch sich selbst stark ändern oder durch andere geändert werden kann – das ist weitgehend Veranlagung. Es gibt ein Drittelgesetz in der Psychotherapie: Ein Drittel der Menschen ist gut therapierbar, ein Drittel mäßig, ein Drittel nicht. Das gilt auch hier. Man kann sich nur unter günstigen Umständen und in engen Grenzen ändern: wenn man ein bestimmtes Temperament hat und wenn die Gene und frühkindlichen Prägungen es zulassen. Die Ratgeberliteratur gaukelt einem vor, dass man sich ändern könne, wenn man nur wolle. Das stimmt nur begrenzt. Und man vergisst etwas Entscheidendes dabei: Veränderung muss man wollen. Doch der Wille ist nicht so frei, wie viele gern glauben, er wird wesentlich von unserer unbewussten Erfahrung gesteuert.

ZEIT Campus: Schopenhauer schrieb: "Der Mensch kann zwar tun, was er will. Er kann aber nicht wollen, was er will." Hat er recht gehabt?

Roth: Ja. Die Arbeit von Schopenhauer ist wohl die beste, die je über den freien Willen geschrieben wurde. Der Mensch hat zwar einen Willen, aber er kann diesen Willen nicht selbst willentlich beeinflussen. Das ist auch logisch unmöglich: Wenn wir unseren Willen beeinflussen könnten – wodurch würde der Wille, der unseren Willen treibt, beeinflusst? Wieder durch einen Willen, einen dritten, vierten, fünften? Schon seit dem Mittelalter haben kluge Menschen dieses Problem der willentlichen Willenssteuerung erkannt.

ZEIT Campus: Gibt es überhaupt Entscheidungen, die der Mensch völlig frei trifft? A oder B, Aufstehen oder Liegenbleiben?

Roth: Unser Strafrecht beruht auf der Annahme, dass das möglich sei und der Mensch die objektive Fähigkeit habe, sich für das Recht und gegen das Unrecht zu entscheiden, und selbst wenn jemanden alle seine Lebensmotive zur Tat trieben, gäbe es immer noch die Möglichkeit, Nein zu sagen. Aber: Selbst dieses Neinsagen muss durch irgendetwas motiviert sein, sonst wäre es zufällig. Motivdeterminiertheit und das Gefühl der Freiheit schließen sich nicht aus: Meine Motive bilden ein so komplexes Netzwerk, dass es für mich undurchschaubar ist. Wenn kein innerer und äußerer Zwang erlebt wird und ich nicht zu viel und nicht zu wenig Auswahl habe, fühle ich mich also frei– obwohl ich determiniert bin.

Gerhard Roth, 65, ist Hirnforscher, Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs und Direktor am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen. Er studierte Philosophie, Musikwissenschaft, Germanistik und Biologie und promovierte in Zoologie und Philosophie. 2007 erschien sein Buch "Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern". Klett-Cotta; 349 S., 24,50 Euro