Die Hochschulsportfreunde-AG – Seite 1

Florian Weber, 33, kommt auf Krücken zum Interview. Er hat sich beim Fußballspielen einen Kreuzbandriss zugezogen. "Unehrenhaft, ohne Ball, ohne Gegner, beim Rückwärtslaufen", erklärt er, als er durch die Mensa der Ludwig- Maximilians-Universität (LMU) humpelt. Er hat in München Sport studiert, Berufsziel: "Reha-Bereich". Stattdessen ist er dann 1996 Schlag-zeuger bei den Sportfreunden Stiller geworden – als einziges Bandmitglied hat er sein Studium trotzdem beendet.

Bassist Rüdiger Linhof, 34, studierte drei Semester lang Politikwissenschaft an der LMU und stieß etwas später zu den Sportfreunden. Sänger und Gitarrist Peter Brugger, 35, hat mit Florian Weber zusammen das Sportdiplom begonnen, wechselte später wegen einer verpatzten Kugelstoßprüfung zum Lehramt – und dann im Jahr 2000 in die Charts.

ZEIT Campus: Als Sie das letzte Mal hier an der Uni waren, musste die Polizei einschreiten. Was war los?

Peter: Im vergangenen Mai sind wir als Straßenmusikanten durch München gezogen. Wir haben erst im Englischen Garten gespielt und dann unsere Instrumente vor dem Brunnen an der LMU aufgebaut. Es gab einen Menschenauflauf, und den hat die Polizei unterbunden.

Rüdiger: Die Studenten kamen und sagten erst mal: Was? Das sind ja die echten! Die dachten, wir wären eine Coverband.

Alle Mensagespräche im Überblick

Florian: Einer meinte: Das Original war auch schon mal besser.

ZEIT Campus: Der oft zitierte Gründungsmythos Ihrer Band besagt, dass Sie, Florian und Peter, sich im Fußballverein kennengelernt haben. Das stimmt aber doch gar nicht.

Peter: Nein, das war im Studium. Flo und ich haben damals beide Sport auf Diplom studiert.

Florian: Wir haben uns nicht gleich am Anfang getroffen. Ich wusste nur, dass der Peter so ein Blonder war. Wir waren dann irgendwann zusammen auf Winterexkursion, Skifahren, Snowboarden und so weiter. Ich weiß noch, wie wir dort auf einem Bett gesessen und uns gegenseitig unsere Musik vorgespielt haben. Dann hat es nicht mehr lang gedauert, bis wir das erste Mal zusammen in einem Proberaum standen.

ZEIT Campus:Judith Holofernes von Wir sind Helden hat mal gesagt, es sei noch viel, viel schwieriger, die richtigen Leute für eine Band zu finden, als sich zu verlieben. Sehen Sie das ähnlich?

Rüdiger: Das ist beides schwer. Eine Band zu finden ist eine unglaubliche Odyssee, und die meisten Bands zerbrechen, bevor sie sich gefunden haben. Bevor ich Peter und Flo kannte, spielte ich pro Woche in drei bis vier Bands, auf der Suche nach der richtigen. Ich bin jedes Mal entweder kopfschüttelnd oder depressiv rausgegangen. Man findet unglaubliche Verspanntheiten und charakterliche Untiefen, denn jeder Musiker will ein Star sein und der Beste an seinem Instrument. Das finde ich grundfalsch. Ich wollte einfach nur Musik machen und hatte gar nicht den Anspruch, gut zu sein.

Peter: Genau das ist dein verdammtes Problem, Alter! (Gelächter)

ZEIT Campus: 1999 kam Ihre Single "Wellenreiten" raus. Das Video lief auf MTV und Viva, Sie haben trotzdem tagsüber noch im Hörsaal gesessen. War das nicht ein bisschen seltsam für Ihre Kommilitonen?

Florian: Nein, die kannten uns ja schon seit Jahren, einige haben uns sogar ihre Busse geliehen, damit wir zu unseren Konzerten fahren konnten.

Als die Lateinaufgaben per Fax ins Tonstudio kamen

Peter: Ich möchte mich an dieser Stelle noch mal bei meiner Kommilitonin Steffi Heuer bedanken, die mir damals meine Lateinaufgaben gefaxt hat, als wir in Valencia unsere erste CD aufgenommen haben.

ZEIT Campus: Dort haben Sie, Florian, ja auch Ihre Diplomarbeit fertig geschrieben.

Florian: Ich bin im Studio immer als Erster fertig, weil die Schlagzeugspuren zuerst eingespielt werden. Danach blieb Zeit zum Schreiben.

Peter: Ich bin damals leicht übermotiviert von Valencia extra für ein Seminar nach Hause geflogen. Den Schein hätte ich dringend gebraucht, und ich hatte schon zweimal gefehlt. Nach dem Flug nach München war ich aber so müde, dass ich nicht hingegangen bin.

ZEIT Campus: Was ist eigentlich das Schwierigste an einem Sportstudium?

Peter: Statistik. Das war die gefürchtete Klausur bei den Sportstudenten. Für alle, die etwas anderes studieren, wäre die völlig lächerlich, aber bei uns hatten alle Angst davor, und die Hälfte ist durchgerasselt, weil man da denken muss.

Florian: Statistik schaffen war gleichbedeutend mit Studium schaffen. Bist du damals eigentlich wegen der Klausur zum Lehramt gewechselt?

Peter: Nein. Wegen Leichtathletik.

Florian: Das Kugelstoßen!

ZEIT Campus: Das Kugelstoßen?

Florian: Wir hatten eine entscheidende Prüfung in Leichtathletik. Peter hätte dabei eine Kugel sechs Meter weit stoßen müssen, ist aber gescheitert. 4,20 Meter oder so.

Rüdiger: Ich dachte, du hättest dann die Frauenkugel benutzt.

Florian: Das war ein Freund von uns. Der hat im ersten Versuch vier Meter geschafft, dann die leichtere Kugel für Frauen genommen und landete bei zwölf Metern. Der Dozent sagte: Na, geht doch! Aber Peter war ehrlich.

Peter: Ich habe zu Sport auf Lehramt gewechselt und dazu Latein gemacht, bin dann aber schon am Graecum gescheitert. Da musste man dreimal die Woche früh um sieben erscheinen. Ich habe es probiert und war stark dabei, aber nur bis Kapitel 21.

"Ja, muast’n do singa?"

ZEIT Campus: Von wie vielen denn?

Peter: Keine Ahnung, ich weiß nicht, wie es ausging. Ich war trotzdem noch länger eingeschrieben. So krankenversicherungstechnisch. (Pause) Kann das jetzt gegen mich verwendet werden?

Florian: Musst nachzahlen!

ZEIT Campus: Hat sich keiner Sorgen gemacht wegen des abgebrochenen Studiums?

Peter: Meine Eltern. Sie haben nicht verstanden, was mit unserer Band passiert. Bis letztes Jahr, als sie uns auf Bayern Eins im Radio gehört haben.

Rüdiger: Deine Mutter hat dich doch noch 2004 vor unserem Konzert in der Olympiahalle gefragt: Ja, muast’n do singa?

Peter: Das war früher. Sie wollte mich überreden aufzuhören. Das mit dem Musizieren sei ja okay, aber ob ich das Singen nicht lassen könne?

Rüdiger: Man kann ja auch nicht erwarten, dass die Eltern mitgehen mit der Bandgeschichte. Desinteresse ist für sie eine Art Selbstschutz, damit sie sich keine Sorgen machen müssen.

ZEIT Campus: Ich habe Sie, Rüdiger, mal auf einer Party in München gesehen. Sie standen unbewegt auf der Tanzfläche, während alle zur Musik Ihrer Band ausgeflippt sind. Wie ist das, mit seinem eigenen Ruhm konfrontiert zu werden?

Rüdiger: Das ist immer noch ganz seltsam. Was soll man auch machen in so einer Situation? Ich kann ja nicht zu unseren eigenen Liedern tanzen. Stattdessen tue ich so, als würde ich es nicht hören. Aber wenn kein Lied von uns läuft, denke ich mir auch: Was ist das denn für ein Scheiß-DJ? Dann wünsche ich es mir halt. (lacht)

ZEIT Campus: Coca-Cola hat zur Fußballweltmeisterschaft mit dem Slogan "1954, 1974, 1990, 2006" geworben. Praktisch der Titel Ihres WM-Liedes. Haben Sie sich dagegen gewehrt?

Peter: Ich weiß gar nicht, ob wir uns da jemals informiert haben.

Rüdiger: Wir haben uns informiert.

Peter: Und? Was kam dabei heraus?

 Der WM-Sommer 2006

Florian: Dass Coca-Cola schon sehr mächtig ist.

Rüdiger: Es kam heraus, dass das Zahlen sind, die wir nicht erfunden haben und auf die wir deswegen auch keinen rechtlichen Anspruch haben. Das Lied ist sowieso schon Allgemeingut.

ZEIT Campus: Es hat Sie aber auch weit gebracht. Sie haben bei der WM Pelé getroffen, er hat Ihnen sogar eine CD geschenkt. Was war drauf?

Florian: Pelé hat ein Musikstück gesungen und auch ein Video dazu gemacht. Das hat er uns freudestrahlend in die Hand gedrückt und gebeten, wir sollten ihm sagen, wie wir es finden. Pelé ist ein unheimlich netter Mensch, er hat uns auf alles Autogramme gegeben, was wir ihm hingehalten haben. Schuhe, Schinkenbrote, alles.

ZEIT Campus: Singt er besser, als Sie Fußball spielen?

Florian: Nein.

ZEIT Campus: Sie waren im vergangenen Jahr die Maskottchen des euphorischen WM-Gefühls. Glauben Sie, dass die Weltmeisterschaft Deutschland verändert hat?

Rüdiger: Die gedrückte Stimmung war weg, ich glaube, dass es da einen Wendepunkt gab. Aber Deutschland ist kein fremdenfreundlicheres Land geworden nur wegen vier Wochen Fußball.

ZEIT Campus: Und in die entgegengesetzte Richtung?

Rüdiger: Ich glaube nicht, dass Deutschland nationalistischer geworden ist, nur weil die Leute vier Wochen Fahnen geschwenkt haben.

Florian: Es geht ja im Frühjahr 2008 kein normaler Mensch mehr auf die Straße und schreit: "Deutschland, Deutschland!" Natürlich gab es im Zusammenhang mit der WM auch Plattformen für die ganz Rechten, aber die suchen sie sich ja sowieso immer. Ich will den Begriff Patriotismus gar nicht mehr neu definieren – ob gesund oder krank oder pipapo. Es ging um Sport. Fertig.

ZEIT Campus: Sie engagieren sich mit Konzerten gegen rechts. Bringt das etwas?

Rüdiger: Man weiß nicht, was wäre, wenn sich nicht einige Menschen wie wir öffentlich dagegen aussprechen würden. Irgendjemand muss ja schließlich Position beziehen.

ZEIT Campus: Peter, Sie haben mal gesagt, dass die politischen Lieder der Sportfreunde meist an ihrer schwierigen Botschaft gescheitert sind.

Peter: Es gibt bei uns Lieder, die sehr kritisch sind: Gute Seite, International und andere. Aber oft hat es auch nicht geklappt, ein Lied mit Botschaft zu machen, obwohl wir es eigentlich vorhatten. Das ist ein schmaler Grat, den man erwischen muss: eine Botschaft rüberzubringen, ohne dabei peinlich zu wirken. Da unterscheidet sich ein politisches Lied kaum von einem Liebeslied.

 "Gegen Rechts muss man den Mund aufmachen"

Rüdiger: Aber Liedern mit Botschaft stehen viele abschätziger gegenüber.

ZEIT Campus: Warum?

Rüdiger: Die Frage ist, wieweit Kunst politisch sein darf. Ich finde aber die Frage sinnlos, denn jeder Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, ist direkt oder indirekt politisch aktiv.

Peter: Mir stellt sich eher die Frage: Darf ich mich zu diesem Thema äußern, oder müsste ich mich erst umfassender informieren? Bei einem Thema wie Rechtsradikalismus allerdings muss auch schon ein Gefühl von "Das ist falsch" reichen, um den Mund aufzumachen.

Rüdiger: Ich glaube, dass viele Menschen eine Aversion gegen Politik haben, weil man immer nur zuhört. Egal ob bei Maischberger oder Anne Will, man kann nur dasitzen und den Kopf schütteln. Wenn man dann mal von einem Künstler unterhalten werden will, hat man schon keine Lust mehr, auf Politik angesprochen zu werden.

ZEIT Campus: Wie sehen das denn Ihre Fans?

Rüdiger: Macht man etwas Politisches, wird man schnell kritisiert: Jetzt muss der auch noch sein Maul aufmachen. Tut man nichts, gibt es genauso viel Kritik. Es ist schwer, das einzuordnen.

Peter: Da gehen ja auch schon innerhalb der Band die Ansichten sehr auseinander. Mehr äußern oder weniger?

Florian: Die Frage ist nicht: Was haben wir für eine Meinung? Da sind wir uns einig. Die Frage ist: Wo und wie äußern wir sie? Was ist peinlich, was nicht? Aber unsere Fans fragen da auch nicht nach. In erster Linie müssen wir uns darüber leider immer mit Journalisten unterhalten.

ZEIT Campus: Was ist denn schwieriger zu schreiben, ein politisches Lied oder ein Liebeslied?

Peter: Ist beides gleich schwer. Ein Wort kann dabei über gut oder scheiße entscheiden.

Das Interview führte Philipp Schwenke