Jesus Christus. Müde sieht er aus, wie er da bei Alexander Czech als Schnitzerei aus Buchenholz über der Tür hängt, im Wohnzimmer seiner kleinen Pfarrwohnung. Czech ist seit vier Wochen Priester in Neckargemünd, einem verschlafenen Nest am Neckar mit viel Kopfsteinpflaster, einem Rummelplatz und zwei Kirchen. Jesus ist überall in dieser Wohnung. An der Wand, als Anstecker an Czechs Revers, in seinen Sätzen.

Wenn er das Handwerk der Predigt erklärt, dann nennt er das Wort oft: Jesus. Oder Gott. Und lässt es jedes Mal ein wenig im Raum schweben, um zu hören, wie es sich entfaltet, bevor er weiterspricht. "In einer guten Predigt stellt der Priester eine direkte Verbindung zwischen den Menschen und – Gott – her", sagt er dann. Und als wolle er seine Gäste mit so viel Metaphysik nicht erschrecken, bietet er schnell Hefezopfkuchen mit Rosinen und Kaffee an.

Czech ist 38 Jahre, das ist alt für einen Berufsanfänger im Priesteramt, aber Czech war früher Vermessungsingenieur von Beruf, bis er sich vor zehn Jahren für die Priesterausbildung entschied. Czech ist muskulös, er trägt einen militärischen Bürstenhaarschnitt, und er schaut energisch in die Welt mit dem stechenden Blick eines Menschen, der etwas zu suchen scheint, so, könnte man sagen, wie ein Dichter den vollendeten Vers.

Czech sucht den vollendeten Gottesdienst. "Es gibt Priester, bei denen kommt nichts von Herzen, die spielen eine Rolle, wenn sie vor dem Altar stehen." Er fährt aus seinem Sessel auf und demonstriert die Begrüßung der Gemeinde, so, wie man sie nicht machen sollte. Ohne Kraft steht er da, mit ausgebreiteten Armen und sagt tonlos: "Liebegemeinde, ich begrüßesie imnamendesherrn…" Dann schlägt er ein müdes Kreuz.

Jetzt machen Sie es mal richtig, Herr Czech! Es geht ein Licht an in seinen Augen, das ist sein Auftritt. Er drückt die Brust heraus, hat mit einem Mal die Körperspannung eines Tänzers und spricht in Saallautstärke: "LIEBE GEMEINDE! ICH BEGRÜSSE SIE IM NAMEN DES HERRRRN!" Kunstpause, das gerollte R braucht Raum, um nachzuklingen. "Verstehen Sie den Unterschied?", fragt er.

Was der Zuhörer mit einem Mal versteht: Das, was jeden Sonntag hinter deutschen Altären geschieht, ist ein Gesamtkunstwerk. Ein ästhetisches Feuerwerk, bestehend aus dem frommen Klang der Kirchenmusik, der Erhabenheit der hohen Räume und der Schauspielkunst der Geistlichen. Eine über zwei Jahrtausende gereifte sakrale Glaubensshow.

Mit ihr kämpfen die Priester um ihre Gemeindemitglieder wie Unterhalter um ein Publikum, das allerdings immer öfter ausbleibt. Laut Deutscher Bischofskonferenz kamen im Jahr 1950 noch rund 50 Prozent aller Katholiken regelmäßig in den Gottesdienst, 2006 waren es 14 Prozent. Deshalb sollen Priester die Menschen zum Glauben animieren, und zwar alle, auch solche ohne Theologiediplom und allgemeine Hochschulreife. Die katholische Version des Christentums ist keine reine Kopfreligion, und darum braucht es die Posen, das geschlagene Kreuz, den Kniefall vor dem Herrn, den theatralischen Faltenschlag der Gewänder, kurz: ein bisschen Tamtam.