Erfolg entsteht durch Leistung und kluge Planung? Nicht immer. Entscheidend sind auch das Geburtsjahr, Intuition, politische Trends - und der richtige Moment am richtigen Ort.

Sie saß auf einem Dreifuß im Allerheiligsten des Apollon-Tempels. Berauscht von Dämpfen, versetzte sie sich in Trance, auf dass Apollon durch sie sprechen möge: die Pythia, die Priesterin des antiken Orakels von Delphi. Hinter einem Vorhang warteten die Ratsuchenden. Sie alle erhofften sich Entscheidungshilfe. Dabei ging es keineswegs allein um Feldzüge und Gesetze. Auch Privatleute konnten, entsprechende Bezahlung vorausgesetzt, ihre Fragen stellen: Sollte man heiraten? Geld leihen? Das Feld bestellen? Die Laute der entrückten Pythia übersetzten Priester in rätselhafte, auslegungsbedürftige Orakelsprüche.

Der Konkurrenzkampf im antiken Beratungsbusiness war groß. Doch dann zog der christliche Kaiser Theodosius gegen das Orakelwesen zu Felde. Im Jahre 394 nach Christus machte er Delphi, damals eine Art Marktführer unter den Orakeln, dicht.

Mehr als 1600 Jahre später ist die Sehnsucht nach prophetischer Entscheidungshilfe nicht verschwunden – besonders, wenn es um Berufs- und Karrierefragen geht, um die Wahl des richtigen Studienfaches oder des "idealen" Jobs. Die Pythia ist den Studien- und Karriereberatern gewichen, die betörenden Dämpfe und Orakelsprüche haben der modernen Interessen- und Eignungsdiagnostik und den Arbeitsmarktprognosen Platz gemacht. Die Erwartungen an die Berater sind hoch: Man will, bitte schön, Planungssicherheit.

Kein Wunder, leben doch schon Abiturienten und Studenten in dem Bewusstsein, unbedingt die "richtige" Entscheidung treffen zu müssen. Drei Viertel der Befragten einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) in Hannover sehen das Studium als eine Phase, in der sie die Weichen für ihr späteres Leben stellen; rund ein Viertel sorgt sich, am Arbeitsmarkt vorbei zu studieren. Verbreitet ist die Vorstellung, dass die berufliche Zukunft letztlich eine Sache kluger Planung und eigener Leistung ist, dass es von "richtigen" oder "falschen" Entscheidungen abhängt, ob sich der Erfolg einstellt. Doch diese Planbarkeit ist eine Illusion.

"Ungeplante und nicht vorhersehbare Ereignisse spielen für Karriereverläufe eine entscheidende Rolle. Ihr Einfluss wird enorm unterschätzt", sagt John Krumboltz, Psychologieprofessor an der amerikanischen Stanford-Universität und Autor des Buches Luck is no accident. Making the most of happenstance in your life and career. Das Staunen über die Bedeutung zufälliger Ereignisse ist das eigentlich Erstaunliche, erleben wir doch im Alltag ständig, dass Menschen von "den Umständen" bevorzugt oder benachteiligt wurden. Dass der Kommentar "Glück gehabt" oder "Pech gehabt" treffender ist als "Selber schuld" oder "Streng dich mehr an". Es gibt zahlreiche Konstellationen, bei denen Menschen von Umständen begünstigt oder behindert werden, die, wenn vielleicht auch nicht zufällig im Sinne eines Würfelwurfes, so doch für den Einzelnen nicht vorhersehbar oder steuerbar sind.

Der Jahrgang als Erfolgsfaktor. Ob es mit einem glatten Einstieg in den Beruf klappt, hängt nicht nur von Noten oder Netzwerken ab, sondern schlicht davon, in welchem Jahr jemand sein Studium beendet. "Die heute so begehrten Maschinenbauer waren Anfang und Mitte der neunziger Jahre eines der Sorgenkinder des Arbeitsmarktes", sagt Kolja Briedis vom HIS, dessen Forscher alle vier Jahre den Berufseinstieg von Uni-Absolventen untersuchen. Bei den Maschinenbauern des Absolventenjahrganges 2005 hatten knapp 95 Prozent ein Jahr nach ihrem Examen einen Job; im Jahr 1993 traf dies dagegen nur auf 75 Prozent zu.

Umgekehrt bei den Architekten: Der Jahrgang 1993 profitierte vom Bauboom der Wiedervereinigung, 84 Prozent waren damals ein Jahr nach Abschluss regulär beschäftigt. Wer dagegen Ende der Neunziger oder im neuen Jahrtausend fertig wurde, hatte es deutlich schwerer. Die Wirtschaftswissenschaftler wiederum waren lange verwöhnt, das Fach galt unabhängig von der Wirtschaftslage als sicher. Bis zum letzten Abschwung. "Da suchte sich auch mancher BWL-Absolvent auf einmal ein schlecht bezahltes Praktikum", sagt Kolja Briedis.