ZEIT Campus: Frau Manke, "Ich liebe dich, lass mich in Ruhe!" lautet der Titel Ihrer Arbeit. Liebe und In-Ruhe-Lassen – wie passt denn das zusammen?

Johanna Manke: Ein Mädchen hat diesen Spruch, als sie Liebeskummer hatte, auf ein Bettlaken gesprüht und es von ihrem Balkon gehängt – gut sichtbar für ihren Exfreund. Der Satz trifft sehr gut den Ausnahmezustand, in dem sich die Jugendlichen befinden, wenn sie zum ersten Mal verliebt sind.

ZEIT Campus: Es geht also um die erste große Liebe?

Manke: Ja, aber auch um die Liebe an sich. Die Jugendlichen, die ich fotografiert habe, sind zwischen 12 und 14 Jahre alt. Ein Alter, in dem die Liebe häufig noch gar nicht in einer Beziehung ausgelebt wird. Doch die Verliebtheit erscheint den Jugendlichen als absolut und unendlich. Das Wort forever ist mir daher während meiner Recherche ziemlich oft begegnet. Mädchen haben es an die Wand gemalt, Jungs in Bäume geritzt. Aber kaum hatten sie ihre Werke beendet, war es oft vorbei mit der Schwärmerei. Dieser starke Gegensatz zwischen Flüchtigkeit und dem Anspruch auf Ewigkeit ist bezeichnend. Euphorie und tiefe Verzweiflung liegen dicht beieinander. Diese Extreme haben mich interessiert.

ZEIT Campus: Sie haben mit über 300 Jugendlichen in Rostock und Hamburg gesprochen. Das klingt nach einer aufwendigen Recherche.

Manke: Das stimmt. Erst habe ich Schulen angeschrieben und Lehrer kontaktiert, dann habe ich das Projekt in Schulklassen vorgestellt. Anschließend habe ich mit Sechst- und Siebtklässlern Einzelinterviews geführt. Die Eltern mussten damit einverstanden sein. Das war nicht immer leicht. Besonders wenn sie von der heimlichen Liebe eigentlich nichts erfahren sollten.

ZEIT Campus: Auf Ihren Bildern sind kaum Jungen zu sehen. Sind die in diesem Alter noch nicht verliebt?