Diese Abgrenzung vom Nationalsozialismus ist ein großes Thema für JN und NPD: Sie wollen als eine Partei gesehen werden, die in die Zukunft schaut – nicht als eine, die zurück ins "Dritte Reich" will. In der Argumentationshilfe für ihre Kandidaten rät die NPD deswegen: "Auf den Themenkomplex Holocaust, Kriegsschuldfrage 1939 und Nationalsozialismus sollte sich mit dem Hinweis auf Gegenwartsaufgaben niemand festnageln lassen." Dieses Themenfeld bedeutet wegen der "historischen Ahnungslosigkeit und damit der antifaschistischen Verblendung der Zeitgenossen" nicht das einfachste Terrain für die NPD.

Auf die Frage, welche Parallelen es denn zwischen "Nationalsozialismus" und "nationalem Sozialismus" gebe, weicht Gärtner aus. Da sei er jetzt gerade nicht auf dem neuesten Stand – was insofern seltsam klingt, als dass er eine Stunde später ein Referat über das Thema halten will. Also noch mal die Frage. Gärtner sagt: "Es würde mir nichts einfallen, wo es Überschneidungen zur klassischen Linie gibt." Also ein Hinweis auf die Idee der "Volksgemeinschaft", auf die eigentlich die gesamte Politik der NPD hinausläuft. Das schreibt auch die JN in ihrem Grundsatzprogramm: "In der von uns angestrebten Volksgemeinschaft werden die Widersprüche und Unzulänglichkeiten des bestehenden politischen und wirtschaftlichen Systems überwunden werden." Die Idee der Volksgemeinschaft war allerdings auch schon Grundlage der Politik der NSDAP.

Gärtner lässt sich ebenfalls nur mit Vorsicht interviewen. Auch er hat sich schriftlich versichern lassen, dass ausschließlich die von ihm freigegebenen Wortlautzitate verwendet werden dürfen. Später will er keinen der Sätze freigeben, in denen er einräumt, dass sich das Programm der JN in der Idee der Volksgemeinschaft sehr wohl mit dem Nationalsozialismus überschneidet.

Die Volksgemeinschaft. Ein bisschen verkürzt bedeutet das: Jedes Volk ist ganz allein für sich am besten dran, und der Mensch kann nur dann glücklich sein, frei und gut, wenn er sich in einem Umfeld bewegt, das ausschließlich aus seinesgleichen besteht. Also: Deutschland den Deutschen. Und damit das nicht so brutal klingt, spricht die NPD gern vom "Ethnopluralismus", der dann auch sagt: Frankreich den Franzosen, Kenia den Kenianern und so weiter und so fort. Fragt sich nur, wer denn eigentlich ein Deutscher ist. Gärtner sagt: "Wer schwarz ist, kann niemals Deutscher sein." Auch nicht, wenn er hier geboren und aufgewachsen ist, niemals – sagen wir mal – Rüsselsheim verlassen hat, beim Kleingartenverein mitmacht und Goethe zitieren kann. Gärtner erklärt sehr genau, warum das seiner Meinung nach nicht reicht. Am Ende läuft es auf etwas hinaus, was Gärtner aber auch nicht in seinem Namen gedruckt sehen will: dass er nämlich zwischen Deutschen und Kenianern nach Menschenrasse unterscheidet. Aber man muss schon ein bisschen nachhaken, bevor er so etwas sagt. 

Man muss überhaupt ein bisschen nachhaken, wenn die Rechtsextremen ihre Ideen verkaufen wollen. Wie denn die "Volksgemeinschaft" genau organisiert sein soll, um "Widersprüche und Unzulänglichkeiten" zu überwinden? Gärtner spricht dann von direkter Demokratie, bis ins Detail hat das aber noch keiner durchdacht, nur das jetzige parlamentarische System soll es nicht sein. Das Grundsatzprogramm der JN kann das auch nicht erklären, dort gibt es zwischen viel Polemik gegen die heutige Form der Demokratie nicht einmal ein Bekenntnis zu freien Wahlen. Stattdessen steht dort: "Die für die Führungs-elite (…) hohe Verantwortung muß mit ebensolcher Geltung und Einfluß gepaart sein."

Gärtner muss nun los, seinen Vortrag wird er ein paar Straßen weiter im Braunen Haus halten. Ursprünglich hat nur die örtliche Antifa das Haus so bezeichnet, aber auch diesen Namen haben sich die Rechten zu eigen gemacht. Die Presse darf dort nicht hinein, deswegen verabschiedet er sich jetzt, trinkt aber noch schnell seinen Kaffee aus. Neben ihm an der Wand hängen alte Fotos, an seinem schwarzen Hemd steckt ein Pin mit dem rot-weißen Logo der JN. Das J, das N, der Pfeil nach rechts oben – er zeigt genau auf ein ausgeblichenes Bild: zwei Dutzend Menschen in Einheitskleidung, die in Reih und Glied turnen.

Während Gärtner also über den "nationalen Sozialismus" vorträgt, noch einmal zurück zu Michael Schäfer. Er hatte ja auf die Frage nach der Verfassungsfeindlichkeit seiner Partei gesagt, dass er keine Probleme mit dem deutschen Grundgesetz sehe. Das Grundsatzprogramm der JN allerdings spricht davon, die "Blockade- mechanismen" des politischen Systems abzuschaffen. Was nur heißen kann: Bundesrat und Bundesverfassungsgericht. Das wäre dann das Ende der Gewaltenteilung.

Oder, Herr Schäfer, wie steht es mit Meinungs- und Pressefreiheit? "Wir können nicht die Freiheit einfordern und sie dann abschaffen. Das wäre ja Heuchelei", sagt er. Im Grundsatzprogramm der JN steht: "Die Medien erreichten als 4. Macht im Staate eine Stellung ohne jede Berechtigung, die die Vorherrschaft der Politik weitestgehend untergräbt."

Und abseits von politischen Details: Wie ist das mit dem Vorwurf, dass NPD und JN nur die parlamentarische Vertretung eines gewaltbereiten Mobs seien? "Leute, die gewalttätig sind, die müssen wir rausschmeißen", sagt Schäfer. Was er nicht erwähnt: dass zum Beispiel Norman Bordin, sein Stellvertreter im JN-Bundesvorstand, bereits wegen Körperverletzung 15 Monate lang im Gefängnis saß und insgesamt achtmal vorbestraft ist. Oder den Fall von Thorsten Heise, Mitglied des NPD-Bundesvorstands: Mehrere Vorstrafen wegen Körperverletzung, im Herbst fand die Polizei bei einer Razzia unter anderem ein Maschinengewehr bei ihm. Oder Stefan Köster, NPD-Landtagsabgeordneter in Schwerin: wurde von der ARD gefilmt, wie er eine linke Demonstrantin trat, die schon auf dem Boden lag. Geldstrafe. Beispiele gibt es genug.

Schäfer selbst hat, bevor er zur JN ging, die Kameradschaft "Wernigeroder Aktionsfront" mit aufgebaut. Laut der Landesregierung Sachsen-Anhalts ermittelte allein 2005 die Polizei neunmal wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Rechtsextreme aus dem Umfeld der Kameradschaft, der Bundesverfassungsschutz schätzt sie ausdrücklich als "gewaltbereite Neonazi-Kameradschaft" ein; die Aktionsfront löste sich kurz vor der Gründung des JN-Stützpunktes Wernigerode auf.

"Wir schulen unsere Leute dahingehend, dass wir sagen, dass sie jede Straftat vermeiden sollen, weil es ihnen ja nichts bringt", sagt Schäfer und meint damit vor allem den Strafbestand der Volksverhetzung. Zehn Tagen nach diesem Gespräch durchsuchen an derselben Stelle 60Polizisten die Bundeszentrale der JN und den benachbarten Laden wegen des Verdachts auf Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Volksverhetzung und Landfriedensbruch. Sie beschlagnahmen Computer, CDs, T-Shirts und DVDs.