Das Ende der Politik

Diese Pinnwand. Übersät mit Lagen alter Zettel und durchbohrt von Reißzwecken, hängt sie in dem sauber gestrichenen Flur, wie das letzte Überbleibsel längst vergangener Anarchoträume. "Das ist doch nicht schön", sagt Torsten Hönisch und schüttelt den Kopf, "dieses Durcheinander, diese Unordnung, das schreckt ab."

Unter anderen Umständen wären es nur ein paar dahingeworfene Worte, keiner Rede wert. Doch Hönisch steht im Flur des Asta der Universität Hamburg, und bislang galt an deutschen Hochschulen eine einfache Gleichung: Asta gleich links gleich Flyer, Protest und kreatives Chaos. Auch optisch widerspricht Hönisch jedem Klischee: Er trägt Hemd und Jackett, die Haare sind sorgfältig gegelt. Stolz weist er auf die Wand gegenüber, wo die Mitteilungen bereits so hängen, wie er sich das vorstellt – in Reih und Glied. Dann sagt er: "Die Studierenden erwarten von uns Professionalität, Verlässlichkeit und Service. Und kein Durcheinander um des Durcheinanders willen."

Asta steht für "Allgemeiner Studierendenausschuss" und ist so etwas wie die Studentenregierung einer Hochschule. Wie in Hamburg sind die Asten derzeit auch andernorts Gegenstand einer Kulturrevolution. Nach Jahrzehnten linker Vorherrschaft erobern gemäßigte Gruppen die Studentenvertretungen, häufig mit überwältigender Mehrheit.

Ob in Bonn, Duisburg-Essen oder Frankfurt/Oder, die Wahlversprechen ähneln sich: keine ewigen Grundsatzdebatten mehr, kein Dagegensein aus Prinzip; lieber hart mit Ministern und Uni-Präsidenten verhandeln, als Kurse im Barrikadenbauen zu organisieren. Wie links die Asten zuvor waren, lässt sich auch daran ablesen, dass die als Pragmatiker gefeierten und von den Linken Listen bekämpften Wahlsieger häufig zu den Jusos gehören, dem Jugendableger der SPD.

"Am Anfang mussten wir hier erst mal richtig ausmisten", sagt Torsten Hönisch, der den Hamburger Asta bis vor Kurzem geleitet hat. Das hieß: Bierkästen und versiffte Sofas raus aus den verrauchten Büros, funktionierende Telefone und Computer rein. Dann haben der 26 Jahre alte Jurastudent und seine Koalition aus Jusos, Hochschulliberalen und Fachschaftslisten eine sinnvolle Bürostruktur geschaffen, einen Wartebereich eingerichtet und ein neues Logo für den Asta in Auftrag gegeben.

Ach ja, und dann sind da noch die Visitenkarten, die Hönisch immer in der Tasche hat, auf Hochglanzpappe, der Name in Fettdruck. "Wir haben jetzt ein einheitliches Corporate Design", sagt er. Das sei ein unverzichtbarer Schritt, um die Sichtbarkeit unter den Studenten zu erhöhen, fügt er hinzu, hält inne und grinst kurz. Womöglich klingt ihm das selbst ein bisschen zu sehr nach Werbesprache.

Kurzum: In Hamburg haben sie mit allem gebrochen, was das oberste Studentengremium über Jahre ausgemacht hat – und werden damit zum Vorbild. "Diese Entwicklung war längst überfällig", sagt Christian Berg, der früher den Studentenverband "fzs" leitete und jetzt im Bundesvorstand der Juso-Hochschulgruppen sitzt. "Wenn sich die Studentenschaften nicht auf die Bedürfnisse der heutigen Studenten einstellen, wird es sie in fünf Jahren nicht mehr geben."

Das Ende der Politik

Die Studenten von heute sind Bachelors, die unter dem Druck von Studiengebühren und Arbeitsmarkt versuchen, ihr Studium in sechs Semestern herunterzureißen, für die das gemütliche Vor-sich-hin-Leben und Debattieren vergangener Generationen nicht mehr ist als eine verschrobene Erinnerung: weltfremd, zum Schmunzeln irgendwie. Die Asten übernehmen also nur den Pragmatismus, den Sozialforscher seit einigen Jahren den deutschen Studenten bescheinigen.

Entsprechend heftig sind die Reaktionen, die Hönisch und andere Reformer unter den verbliebenen linken Uni-Gruppen auslösen. Schoßhündchen der neoliberalen Machthaber seien sie, heißt es, angepasst bestenfalls, schlimmstenfalls reaktionär. "Sie machen Strukturen kaputt, die manchmal über Jahrzehnte aufgebaut wurden", sagt Björn Kietzmann, "und das mit voller Absicht, um politische Arbeit auch in der Zukunft zu verhindern."

Kietzmann gehört zum Asta der Freien Universität Berlin (FU), wo die Linken nach wie vor über eine stabile Mehrheit verfügen. Auch an der FU haben sie ihr eigenes Corporate Design, sie würden dieses Wort nur nie in den Mund nehmen: ein Logo, das den roten Stern zeigt, damit ja keine Zweifel an der politischen Verortung aufkommen – und die in Hamburg so verrufenen Flugblätter. "Schicke Prospekte passen nicht zu uns, das ist doch Geldverschwendung", sagt Kietzmann. "Wir bleiben bei den kopierten Flyern und unterstützen mit dem Geld lieber die politische Arbeit."

Es sind Welten, wie sie verschiedener nicht sein könnten: hier die linken Asten, die sich als politische Avantgarde begreifen, sich bundesweit vernetzen mit anderen linken Gruppen und Globalisierungsgegnern und sich gleichzeitig abschotten vom Großteil der als "unpolitisch" verachteten Studenten auf dem eigenen Campus. Und dann sind da die neuen, pragmatischen Asten, von den Linken als "rechts" betitelt, die ihre Politik auf die Probleme ihrer jeweiligen Hochschulen konzentrieren und konkrete Projekte anpacken, statt über den Widerstand als solchen zu diskutieren.

Wobei das mit dem "rechts" Torsten Hönisch schon ärgert. "Das ist Quatsch", sagt er. "Natürlich kann ich Fundamentalopposition gegen alles machen. Dann bleibe ich ideologisch sauber, erreiche aber gar nichts. Oder ich versuche, über Verhandlungen das Mögliche herauszuholen. Ich finde, das sind wir den Studenten schuldig, dafür haben sie uns gewählt."

Es ist eine lange Rede geworden, an deren Ende sich Hönisch in seinem Sessel zurücklehnt, den Blick über seinen Blackberry zum Fenster schweifen lässt und hinausschaut auf die Ströme vorbeilaufender Studenten. Dieser Unterschied zwischen reiner Lehre und Pragmatismus, nirgendwo ist er in Hamburg so augenscheinlich und so aufreibend gewesen wie bei den Studiengebühren.

"Natürlich sind wir gegen Studiengebühren, das haben wir immer wieder klargemacht", sagt Hönisch. Demonstriert haben sie und Protestnoten geschrieben. Und am Ende doch mitgemacht, als es darum ging, über die Verteilung der Gelder zu entscheiden und zu wachen. "Alles andere wäre eine freiwillige Selbstentmachtung gewesen." Das, was Hönisch als "Mittelweg" bezeichnet, ist in Wirklichkeit ein schwieriger Spagat für ein Juso-Mitglied wie ihn, eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit.

Das Ende der Politik

Ein Problem, das Jan Siegel nicht hat. Im vergangenen Jahr hat der 23-Jährige den Asta-Vorsitz an der RWTH Aachen übernommen – ein spektakulärer Erfolg für den Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), die CDU-Organisation an den Hochschulen. Siegel sagt: "Studiengebühren bringen Bewegung und frisches Geld. Ich halte sie für eine gute Sache."

Wenn er von linken Asten spricht, bemüht der stämmige junge Mann schon einmal das alte Klischee des "langhaarigen Schlaffis vom Typ Bombenleger, der nach dem zehnten Semester noch nicht die Zwischenprüfung geschafft hat". Solche Leute kämen besonders an technischen Hochschulen immer schlechter an. "Den unpolitischen Elektroingenieur im Karohemd überzeugt man eher mit Sachargumenten", sagt Siegel, der Elektrotechnik studiert, einen Markenpullover trägt und dessen Programm unter anderem darin besteht, sich für ein Semesterticket und den Studentenausweis in Kreditkartenformat einzusetzen. Und dann wäre da noch die neue, professionell gestaltete Uni-Zeitung, mit viel Lifestyle und wenig Politik. "Der Aspekt Service wird für die Arbeit des Asta immer wichtiger", sagt auch Siegel.

Nebenbei haben sie mit dem weitergemacht, was die Linken als "Strukturzerstörung" bezeichnen würden. Sie sind aus dem Studentenverband "fzs" ausgetreten, auch aus dem Verein Aachener Friedenspreis, der zuvor mit Strafanzeigen gegen die Bundeskanzlerin und den Verteidigungsminister auf sich aufmerksam gemacht hatte. "Da alle Studierenden Zwangsmitglieder in der Studierendenschaft sind, muss der Asta sich auf seine hochschulpolitischen Kernkompetenzen beschränken und darf nicht zu jedem tagespolitischen Bereich Stellung nehmen", erklärt Siegel den Schritt. "Wir wollen den einzelnen Studenten nicht bevormunden."

Einen Kampf musste Siegel nicht mehr ausfechten: den Verkauf der Asta-eigenen Druckerei, die zuvor nicht nur unzählige Flugblätter produzierte, sondern auch Arbeitsverträge für linke Aktivisten bot. Das hat ihm der liberal dominierte Asta abgenommen, der vor zwei Jahren an der Macht war. Siegels Koalition aus RCDS, Liberalen und einer weiteren bürgerlichen Liste blieb dann nur noch, das Amt des Hochschulpolitischen Referenten abzuschaffen, eines der Insignien linker Asta-Politik.

Das Amt haben sie in Hamburg noch. So weit wollten die Jusos dann wohl doch nicht gehen. Trotzdem glauben sie mit ihren Reformen auf dem richtigen Weg zu sein – das sagt auch Benjamin Gildemeister, der Torsten Hönisch als Asta-Vorsitzender abgelöst hat. Auch er trägt ein Jackett. Lange Zeit sitzt er schweigend neben seinem Vorgänger und hört zu, wie dieser referiert über Verantwortung und Kompromisse, die man in der Politik schließen müsse.

Irgendwann beugt er sich nach vorn und sagt: "Eigentlich gibt es keine linken und rechten Asten mehr, sondern nur ideologische und pragmatische. Und den pragmatischen gehört die Zukunft."