ZEIT Campus: Mr. Sennett, haben Sie eine Déformation professionelle?

Richard Sennett: Ich hoffe nicht!

ZEIT Campus: Hinter dem Begriff verbirgt sich die weit verbreitete Idee, dass der Beruf auch das Verhalten im Privatleben beeinflusst: Psychologen, die zwanghaft ihre Mitmenschen analysieren; Polizisten, die überall nur das Verbrechen sehen. Sie sind einer der bedeutendsten Soziologen der Welt – da können Sie dem doch gar nicht entkommen.

Sennett: Soziologie ist heute eine solche Datenwissenschaft, dass man der Déformation professionellerecht gut entgehen kann.

ZEIT Campus: In Ihrem Buch "Der flexible Mensch" haben Sie selbst die These aufgestellt, dass Arbeit den Charakter eines Menschen beeinflusst. Nicht nur im Positiven.

Sennett: Tut sie das?

ZEIT Campus: Das ist die Frage.

Sennett: Zunächst einmal: Die meisten Menschen verbringen den allergrößten Teil ihres Tages mit ihrer Arbeit oder mit Dingen, die etwas mit ihrer Arbeit zu tun haben. Die New Economy, wie ich sie nenne, hat darüber hinaus auch das Privatleben ihrer Angestellten erobert. Wenn Sie zum Beispiel im Finanzsektor arbeiten, dann sind Sie auch nach Feierabend damit beschäftigt, Kontakte zu knüpfen. In den meisten kreativen Berufen ist das ähnlich. Die Idee, dass es jenseits der Arbeit ein richtiges Leben gibt, ist eine Illusion. In Ihrer Generation, also bei Leuten um die 30, ist das noch wesentlich stärker ausgeprägt als in meiner.

ZEIT Campus: Wie kommt das?

Sennett: Das liegt an vielen Dingen. Die informellen Beziehungen bei der Arbeit werden immer wichtiger, als sie es in älteren, starreren Berufen waren. Das typische Netzwerk ist ein amorphes Gebiet, in dem nicht mehr zwischen Arbeit und Freundschaft unterschieden wird. Und – ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist, aber in Großbritannien und den USA sind junge Menschen heute sehr mobil…

ZEIT Campus: Hier auch.

Sennett: Die Arbeit ist dadurch der letzte Fixpunkt. Das Zentrum, um das Sie den Rest Ihres Lebens gruppieren können. Die Arbeit ist zwar amorph, aber auf die können Sie sich wenigstens noch beziehen.

ZEIT Campus: Wie formt das einen Charakter?

Sennett: Ich habe mich oft mit der Frage beschäftigt, wie die Fähigkeiten, die ein Mensch entwickelt, ihm Selbstbewusstsein verleihen. Es ist ein Paradoxon: Der moderne Kapitalismus ruht auf einem Fundament aus Fähigkeiten. Trotzdem haben sich bei unseren Untersuchungen der Arbeitswelt die Menschen sehr oft beklagt, dass sie solche Fähigkeiten gar nicht mehr entwickeln können, weil die Organisation der Arbeit das gar nicht mehr zulässt. Man zieht von Job zu Job, erwirbt oberflächliche Kenntnisse– manchmal täuscht man sie auch nur vor – und kann nicht mehr lange genug in einem Job bleiben, um wirklich profunde Dinge zu lernen.

ZEIT Campus: Was meinen Sie mit vortäuschen?

Umtriebiger Philosoph: Richard SennettSennett: Das heißt: Sie wissen genug, um über die Runden zu kommen, aber auch nicht mehr. Der eine Grund dafür ist, dass die lebenslange Anstellung durch viele kurze Jobs abgelöst wird. Der andere: Viele Firmen investieren nicht mehr in die langfristige Entwicklung ihrer Angestellten. Es ist billiger, einen Mitarbeiter mit den im Moment benötigten Qualifikationen kurzfristig einzustellen, als einen anderen langfristig aufzubauen.

ZEIT Campus: Ist deswegen nicht die Flexibilität mittlerweile eine eigene Fähigkeit?

Sennett: Ja. Natürlich.

ZEIT Campus: Vielleicht sogar die wichtigste?

Sennett: Nein. Sie sichert Ihnen das Überleben, aber sie hilft Ihnen nicht, einen Satz dauerhafter, belastbarer und tatsächlicher Fertigkeiten zu erlernen. Mit Mitte 20 stört Sie das nicht, aber mit 40 fangen Sie an, sich darüber Sorgen zu machen, dass Sie eigentlich von nichts wirklich eine Ahnung haben. Diese Ahnungslosigkeit korrumpiert den Charakter.

ZEIT Campus: Inwiefern?

Sennett: Sie spüren, dass Sie nichts Handfestes in sich haben. Sie fühlen sich unbeständig, unruhig, unsicher. Der Autor Richard Ford hat dieses Gefühl in seinen Romanen wunderbar analysiert und beschrieben: ein Gefühl aus der Lebensmitte, wenn sich noch nichts wirklich zusammengefügt hat.

ZEIT Campus: Wo zeigt sich das in der realen Arbeitswelt?

Sennett: In den USA ist der große Boom vorbei, die Arbeitslosigkeit steigt wieder. Da ist es fast schon normal, dass Büroangestellte ihren Job verlieren und anschließend simple Servicejobs machen müssen. Sie können nichts, auf das sie in einer solchen Situation tatsächlich bauen könnten.

ZEIT Campus: Wenn man etwas nicht kann, ist das doch keine Charakterfrage.

Sennett: Aber es spielt mit in den Charakter hinein. Zu den Verhaltensweisen, die in dieser Ökonomie entstehen, gehört zum Beispiel, auch persönliche Beziehungen nicht zu tief werden zu lassen. Man kooperiert miteinander, aber nur oberflächlich. Was mich wirklich erschreckt hat: Wir haben Leute aus dem Hightechsektor interviewt, die gerade gefeuert worden waren. Deren frühere Kollegen hatten plötzlich Angst vor ihnen. Angst war das beherrschende Gefühl, nicht Solidarität!

ZEIT Campus: Beobachten Sie diese Entsolidarisierung auch unter Studenten?

Sennett: Der Master of Business Administration, kurz: MBA, war einmal eine Eintrittskarte für einen guten Job, aber mittlerweile gibt es so viele davon, dass der Abschluss viel weniger wert ist. Wer studiert, hat die Hoffnung, dass er zu den lucky few gehört, zu den wenigen, die es trotzdem schaffen. Der Kampf beginnt deshalb schon viel früher, der Kampf um Arbeitsplätze ist schon ein Kampf unter Studenten.

ZEIT Campus: Ist das nicht seltsam, dass Studenten schon gegeneinander kämpfen, noch bevor sie überhaupt arbeiten?

Sennett: Das ist ein echtes Problem. Idealerweise müssten die Leute nach Lebensentwürfen außerhalb dieser New Economy suchen. Als Krankenschwester können Sie ein geregeltes, emotional erfülltes Leben führen. Aber das ist eben kein Glamour-Job. In Großbritannien bilden wir zum Beispiel tausendmal mehr Juristen aus, als wir brauchen. Auch dort herrscht kapitalistisches Denken: Die anderen werden untergehen, aber ich werde überleben.

ZEIT Campus: Deformiert der Kampf den Charakter?

Sennett: Ich glaube nicht, dass er gesund ist.

ZEIT Campus: Kommen wir noch einmal zurück auf die Flexibilität. Was müsste die Uni lehren, damit ihre Absolventen mit dieser Anforderung besser zurechtkommen können?

Sennett: Es geht nicht um das Was – sondern um das Wie des Lehrens. Jeder Student muss irgendwann herausfinden, wie er selbst besser wird in dem, was er tut. Das lernt man aber nicht, indem man immer nur angewandte Arbeit macht. In England und den USA haben wir immer mehr praxisbezogene Studiengänge, Hotelmanagement zum Beispiel. Solche Ausbildungen sind genauso wie die späteren Jobs. Das ist eine fürchterliche Art, ein Bildungssystem zu organisieren. Man muss viel grundsätzlichere Dinge lernen. Sie sollten an der Universität erst ein guter Wissenschaftler werden und dann schauen, wie Sie damit durch die Wirtschaft schwimmen können.

ZEIT Campus: In Ihrem letzten Buch schrieben Sie, dass wir eine Renaissance des Handwerks brauchten. Auch beim Lernen?

Sennett: Es geht nicht darum, alles mit den Händen zu tun oder zu lernen. Aber es gibt ein bestimmtes Wissen, über das Menschen verfügen, die eine handwerkliche Arbeit machen. Und das ist wertvoll für uns, das lässt sich übertragen. Schreiben zum Beispiel ist keine klassische handwerkliche Arbeit, aber auch hier müssen Sie die wichtige Erfahrung sammeln, wie man mit widerspenstigem Material umgeht.

ZEIT Campus: Zum Beispiel?

Sennett: Sobald Sie bei Ihrem Word-Programm den automatischen Grammatikcheck laufen lassen, lernen Sie nicht mehr, die doppeldeutigen Zusammenhänge zwischen den Wörtern zu verstehen. Das ist primitiv.

ZEIT Campus: Was ist Ihre handwerkliche Tätigkeit?

Sennett: Die Musik. Ich spiele Cello.

ZEIT Campus: Hilft ein Instrument bei der Charakterbildung?

Sennett: Natürlich. Es gibt kein anderes Training, das so grundsätzlich Ihre sozialen Fähigkeiten fördert. Man muss ja mit anderen zusammenspielen. Vieles von dem, was ich über soziale Beziehungen weiß, habe ich aus meinen Beobachtungen von Musikern.

Interview: Philipp Schwenke und Eva Weber-Guskar