Tokio Hotel kann er eigentlich nicht mehr hören. Christian lädt trotzdem ein Lied der Band bei einer illegalen Internettauschbörse runter, greift sich einen Kopfhörer vom Schreibtisch und lässt den Titel laufen. Dann speichert er das Downloadprotokoll mit Datum, Uhrzeit und der IP-Adresse des Anbieters. Erwischt!

Christian ist 25 Jahre alt, Maschinenbaustudent und arbeitet als Online-Ermittler im Auftrag der Firma proMedia für den Bundesverband Musikindustrie. Zusammen mit 40 anderen Studenten sitzt er in einem großen Bürogebäude im Osten Hamburgs und surft durch Tauschbörsen wie Bearshare oder BitTorrent. Auf seinem Tisch liegen Pizzaprospekte, in der Ecke steht ein Kicker, an den Wänden hängen Plakate von Silbermond, Grönemeyer und anderen deutschen Stars. Christian klickt und klickt, sein Blick wandert über den Bildschirm – er fahndet nach den dicken Fischen, die Hunderte Titel zum Herunterladen bereitstellen.

"Studenten sind für mich ideale Arbeitskräfte, denn Tauschbörsen sind schnelllebig und ändern sich. Junge Leute begreifen das besser", sagt Frank Lüngen, der Christians Chef ist und auf dessen Visitenkarte "Ermittlungsleiter Online Piraterie" steht. Ermittelt wird in dem Bürogebäude fast den ganzen Tag – insgesamt rund 100 Studenten lösen sich hier in Vierstundenschichten ab, täglich von acht bis 23 Uhr. Viele studieren Musik, einige haben eine Band. "Manche haben auch schon ihre eigene Musik in den illegalen Tauschbörsen entdeckt", sagt Christian.

Lüngen stellt nur Studenten ein, die ihm von seinem Team empfohlen werden: "Wir wollen keine Spione." Derzeit fischen die Studenten pro Tag 130 Fälle aus dem Netz, doch die Zahl der angebotenen Downloads geht zurück. Wer erwischt wird, muss bis zu 2000 Euro Strafe zahlen. Das schreckt ab.

Dennoch rückt Lüngen rund 150-mal im Jahr mit der Polizei aus, um Rechner sicherzustellen. Bei Studenten wird er schon mal weich: "Einer hatte auf seinem Laptop neben 5000 illegalen Songs auch seine Magisterarbeit gespeichert, die er bald abgeben sollte", sagt Lüngen. Also wertete er die Festplatte vor Ort aus und ließ den Laptop da.

Christian kümmert es nicht, wem er gerade mit Tokio Hotel auf die Schliche gekommen ist. Die Identität der Onlinepiraten bleibt ohnehin geheim. Das Alter nicht: Viele sind 18 bis 25 Jahre alt. Ein schlechtes Gewissen hat Christian deswegen nicht. Im Gegenteil. Er gibt zu, früher selbst Titel runtergeladen zu haben, doch mittlerweile kaufe er nur noch Musik. "Die Qualität ist einfach besser." Und wenn sich ein Kommilitone bei ihm nach Tricks erkundigt, wie er nicht in die Fänge der Fahnder gerät, sagt er: "Lass es einfach sein!"