Heute ist Krawattentag, ich trage Anzug und neue Schuhe. An normalen Tagen tauche ich so nicht im Seminar auf, aber diesmal muss es sein: Ich bin schlecht vorbereitet und kenne meine Quellen kaum. Da sollte wenigstens die Show stimmen, denke ich mir und schleppe als i-Tüpfelchen einen großen Stapel Bücher ins Seminar, hinter dem ich mich sogleich verschanze. So kann keiner mehr an mir zweifeln. Mein schicker Auftritt lenkt vom Inhalt ab.

Schicker Auftritt? Mal im Ernst: In der Regel ist die Kluft von uns Professoren einfach nur schaurig und wenig geeignet, fehlende Vorbereitung zu kaschieren. Selbst Angestellte in der Verwaltung, sagen wir: eines Schlachthofs, sind zumeist besser angezogen als wir Profs. Und so viele durchgeschwitzte Hemden wie in unserer Zunft gibt es sonst nur unter Bodybuildern. Warum eigentlich ist das so?

Ich habe da drei Erklärungen. Eine sehr selbstbewusste lautet: Wir sind so tiefsinnig, dass wir Schlips und Kleid gar nicht nötig haben! Auch Halbgott Hegel, der glaubte, die Welt noch in all ihren Winkeln zu verstehen, galt als schlampig und regelrecht verlumpt. Die heutigen Juristen in ihren Armani-Anzügen hingegen sind zwar gut angezogen, verstehen aber ihre eigenen Paragrafen nicht mehr. Die Tiefe des Wissens kommt eben ohne Schein und Prada aus. Der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau zum Beispiel, der in einem Essay den Begriff des "zivilen Ungehorsams" prägte, wollte keine Arbeit annehmen, für die er andere Kleidung gebraucht hätte. Recht hatte er!

"Quatsch!", ruft eine elterliche Stimme in mir. Die Professoren hängen schlicht in der Teenager-Falle. Die Alma Mater schenkt ihnen ewige Jugendlichkeit und verlängert so ihre pubertäre Phase. Nur deshalb weigern sich viele Profs, die Klamotten ihrer Studentenzeit abzulegen – mit katastrophalen Folgen. Wie sollen Professoren denn so jemals Verantwortung übernehmen? Das Karohemd der Professoren ist doch letztlich nichts anderes als ein Sabberlätzchen, das ins Alter hinübergerettet wurde.

Die dritte Erklärung ist eine strukturalistische: Profs haben keine Bosse über sich, die sie mit ihrem Outfit beeindrucken müssen. Dekane zum Beispiel können das Gehalt von Professoren weder kürzen noch erhöhen. So lebt es sich ohne Krawatte ganz unbeschwert: Ohne Boss kein Hugo. Nur wer auf lukrative Drittmittel oder einen Job als Gutachter hoffen kann, wirft sich hin und wieder auch ein Sakko über.

Vielleicht aber ist die Antwort viel einfacher: Olle Klamotten sind heute zur Uniform der Profs geworden. Schließlich sind auch Professoren Rudeltiere. Wenn auch etwas zottelige.

Professor Fritz Breithaupt, 40, erklärt in ZEIT CAMPUS regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrte Germanistik in Hamburg, Mannheim und an der FU Berlin und arbeitet nun an der Indiana University in Bloomington, USA