Hohes Einkommen, schneller Aufstieg – der Beraterberuf gilt als Traumjob. Ein Ehemaliger erzählt, warum er trotzdem aus einer großen Consultingfirma ausgestiegen ist

Wie viele Berater nach kurzer Zeit wieder aussteigen, sagt einem keiner. Inzwischen denke ich, es sind nicht wenige. Ich bin einer von denen, die hingeschmissen haben, nach zwei Jahren schon. Weil ich einfach nicht mehr konnte. Und nicht mehr wollte.

Am Anfang war noch alles neu und aufregend. Schon das Auswahlwochenende, das bei Beratungen "Recruiting-Veranstaltung" heißt: In der Businessclass wurden wir nach Berlin geflogen und in einem erstklassigen Hotel untergebracht. Für die Abende war ein ganzer Club samt Live-Band gemietet worden. Als ich zwei Monate zuvor mit meinen Freunden nach Portugal gereist war, hatten wir noch den Billigflieger genommen.

Natürlich wurde beim Recruiting nicht nur gefeiert; wir mussten Fallstudien lösen, Gruppendiskussionen und Bewerbungsgespräche absolvieren. Das war ziemlich anstrengend, aber ich dachte, wenn so der Job-Alltag aussieht, habe ich keine Probleme. Dass man als Berater hart arbeiten muss, konnte mich nicht abschrecken – es wird schließlich außerordentlich gut honoriert. Plötzlich würde ich als frisch diplomierter Wirtschaftsingenieur mit 26 Jahren so viel verdienen, wie meine Mutter und mein Vater zusammen. Und, ja, es fühlte sich auch gut an, ständig gesagt zu bekommen, dass ich zu "den Besten der Besten" gehöre. Besonders reizte mich aber, dass ich in kurzer Zeit viele verschiedene Branchen kennenlernen und Erfahrungen machen würde, für die andere Jahre brauchen.

Mit dem ersten Auftrag wird man ins kalte Wasser geworfen, heißt es. Mein erster Kunde war ein Konzern aus der chemischen Industrie, zwei seiner Unternehmensbereiche sollten fusioniert werden. Das Projekt war bereits in der Endphase, die Deadline sehr knapp bemessen; ich bekam also gleich das volle Programm ab.

Von Montag bis Donnerstag war ich beim Kunden, meist saß ich bis mindestens 22 Uhr vor dem Computer, tippte eine Excel-Tabelle nach der anderen, schrieb Protokolle über die letzten Meetings oder Präsentationen, die am nächsten Morgen fertig sein sollten. Ich arbeitete die Nächte durch. Oft verabschiedeten mich die Pförtner nach der Arbeit mit einem "Guten Morgen!". In mein schickes Hotelzimmer kam ich stets nur für wenige Stunden.

Was mich dabei etwas enttäuschte, waren meine Einsatzorte: Ich flog nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte, zwischen Hamburg, Frankfurt, London und Paris hin und her. Die Firmen, die ich beriet, lagen in der Provinz, in einer fränkischen Kleinstadt oder in irgendeinem trostlosen Industriegebiet in Niedersachsen – eben dort, wo sich die Zentralen großer Konzerne häufig befinden. Wenn abends einmal halbwegs früh Schluss war, landete ich mit meinen Kollegen in der Hotelbar.

Anfangs sind solche Abende noch aufregend, man hechelt die Lebensläufe im Team durch, die sehr interessant sein können. Aber irgendwann spricht man nur noch über das Projekt oder darüber, wer im letzten Jahr auf welche Stufe befördert wurde. Und wenn wir andere Themen fanden, drehte sich in meinem Kopf meist alles um ein noch nicht fertig geschriebenes Strategiepapier. Richtig abschalten konnte ich nie.