Um Aktienkurse vorherzusagen, benutzen Analysten komplizierte Rechenmodelle. Es geht auch einfacher. Ein Blick auf die Villa des Chefs genügt. Die Wirtschaftskolumne

Als ich von Hamburg nach Berlin zog, meinten die Kollegen, ich könnte mir nun bestimmt eine viel größere Wohnung leisten. Ein Fünf- oder Sechs-Zimmer-Schnäppchen. So ein Apartment mit riesiger Dachterrasse und herrlichem Blick über die Stadt. In Berlin, sagten sie, seien die Mieten noch niedrig. Auch beim Wohnungskauf käme man günstig weg. Ich träumte schon von einem Palast. Tatsächlich landete ich in einer Erdgeschosswohnung mit Blick auf das Nachbarhaus. Es gibt Paläste in Berlin. Aber schon lange nicht mehr zu Preisen, die ich mir leisten kann.

Vielleicht ist es auch ganz gut, dass ich mir keine überdimensionierte Luxuswohnung zugelegt habe. Denn sonst würde es ZEIT CAMPUS womöglich überhaupt nicht mehr geben. Das hört sich erst einmal ziemlich seltsam an, ist aber wahr: Der Lebensstil der Mitarbeiter beeinflusst nämlich das Betriebsergebnis des Unternehmens, für das sie arbeiten. Und zwar: Je größer die Bleibe, desto roter die Zahlen.

Herausgefunden haben das zwei amerikanische Wirtschaftsforscher, David Yermack von der New York University und Crocker Liu von der Staatsuniversität von Arizona. In ihrem Arbeitspapier Where are the shareholders’ mansions? beschreiben sie den Zusammenhang zwischen der Wohnungsgröße und dem Firmengewinn. Sobald sich zum Beispiel der Chef eine extrem große oder extrem teure Villa kauft, verschlechtert sich die wirtschaftliche Perspektive des Unternehmens.

Yermack und Liu haben sich die 500 größten Firmen der USA angeschaut, also die im Aktienindex S&P 500 versammelten Aktiengesellschaften. Für 488 von ihnen gelang es den Wirtschaftsforschern, alle möglichen Daten zusammenzutragen: die Wohnfläche des Chefdomizils, die Größe des Grundstücks, die Zahl der Zimmer. Demnach hat die durchschnittliche Villa eines CEOs 520 Quadratmeter Wohnfläche und steht auf einem 5000 Quadratmeter großen Grundstück.

Wer’s größer liebt, gefährdet den Aktienkurs der Firma. Kaufte sich ein Chef ein überdurchschnittlich großes Haus, schnitt die Aktie des Unternehmens in den drei darauf folgenden Jahren um ein Viertel schlechter ab als der Aktienindex S&P 500. Im Frühjahr 2005 legte sich zum Beispiel Trevor Fetter, der CEO des Krankenhausbetreibers Tenet Healthcare aus Dallas, eine 1000-Quadratmeter-Villa zu. Binnen zwei Jahren sank die Tenet-Aktie um 60 Prozent.

Für die professionellen Aktienbeobachter in den Investmentbanken sind Studien wie die von Yermack und Liu natürlich ein Schlag ins Gesicht. Warum berufen sich Analysten immer auf komplizierte Rechenmodelle? Wieso benötigen sie für die Prognose von Aktienkursen alle möglichen Unternehmenskennziffern, wenn offenbar schon der Blick ins Grundbuch genügt?

Zwar wohnen deutsche Chefs in der Regel bescheidener als ihre amerikanischen Kollegen. Und dennoch lohnt es sich, auch hier genauer hinzusehen: Alexander Dibelius, der Deutschland-Chef von Goldman Sachs, kaufte sich die alte Thomas-Mann-Villa "Poschi" in München. Jetzt leidet seine Investmentbank unter der Finanzkrise.