Juli Zeh möchte lieber nach draußen. Die Mensa der Uni Leipzig ist zwar hell und gläsern, aber draußen scheint die Sonne, und Zeh hat in ihrer Studienzeit sowieso mehr Zeit in Straßencafés als in der Mensa verbracht. In Leipzig studierte sie Jura und irritierte die Prüfer bei ihrem ersten Staatsexamen mit Dreadlocks. In der Zeit bis zum zweiten Examen schnitt sie sich ihre Zöpfe ab und besuchte das Literaturinstitut Leipzig. Ihre Abschlussarbeit, der Roman "Adler und Engel", wurde in 28 Sprachen übersetzt, es folgten Essay- und Reportagebücher und zwei Romane. Derzeit schreibt sie an ihrer Doktorarbeit. Darüber reden möchte sie allerdings nicht. "Da bin ich abergläubisch", sagt sie.

ZEIT Campus: Frau Zeh, wie geht es Otto Schily?

Juli Zeh: Ich kenne ihn ja nicht persönlich. Aber ich denke, er hat eine stressige Zeit.

ZEIT Campus: Sie haben in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde gegen die von ihm mit beschlossenen Biometriepässe eingelegt, in denen unter anderem die Fingerabdrücke gespeichert werden. Recht ungewöhnlich für eine Schriftstellerin.

Alle Mensagespräche im Überblick

Zeh: Ich bin ja auch Juristin, da ist eine Klage nicht abwegig. Und ich bin extrem sensibel in diesen Datenschutzfragen, nicht nur, wenn es um Biometriepässe geht.

ZEIT Campus: Haben Sie einen Pass mit Fingerabdruck?

Zeh: Nein, ich habe noch den alten.

ZEIT Campus: Ein Facebook-Profil?

Zeh: Um Gottes willen. Nein!

ZEIT Campus: Kaufen Sie im Internet ein?

Zeh: Selten.

ZEIT Campus: Mit Vorsicht?

Zeh: Ich versuche, sämtliche Kästchen, hinter denen steht: "Ab jetzt gehört Ihre Adresse der ganzen Welt", irgendwie von ihren Häkchen zu befreien. Aber selbst wenn ich im Internet einkaufe: Amazon kann nicht bei mir vor der Tür stehen und meine ganze Wohnungseinrichtung raustragen. Der Staat hat Kompetenzen, die die Wirtschaft – bis jetzt – nicht hat, er kann mehr tun, als mir Spam zu schicken. Insofern mache ich mir Sorgen um unser Land.

ZEIT Campus: Warum?

Zeh: Ich dachte, nach zwei totalitären Überwachungsstaaten hätten wir verstanden, dass man bestimmte Dinge sein lassen sollte. Es gibt keinen demokratischen Kontrollstaat. Seit der ersten Klasse wurde uns eingetrichtert, dass man die Demokratie verteidigen muss– jetzt gucken einfach alle zu, wie Grundrechte eingeschränkt werden. Ich mache das nicht mit. Wenn es keine Protestbewegung gibt, tut man es eben alleine.

ZEIT Campus: Alleine? Geht das überhaupt?

Zeh: Ein einzelner Mensch, der nicht bereit ist, Attentate zu verüben, kann politisch eigentlich kaum etwas bewegen. Der Klageweg ist die einzige friedliche Möglichkeit, sich zu wehren.

ZEIT Campus: Attentate würden Sie also auch verüben?

Zeh: Bis jetzt nicht.

ZEIT Campus: Aber theoretisch schon?

Zeh: Ab einem gewissen Punkt sicherlich.

ZEIT Campus: Wann wäre der denn erreicht?

Zeh: Das kann ich schwer sagen. Wir sind in einem friedlichen System aufgewachsen, das uns zu Gewaltfreiheit erzogen hat. Ich denke manchmal darüber nach, wann man den ersten Stein schmeißen müsste. Die Geschichte zeigt schließlich, dass sich nichts bewegt, wenn man zu Hause die Hände faltet und sagt: Wie schön wäre es, wenn alles anders wäre.

ZEIT Campus: Das klingt jetzt etwas überraschend. Ihre Texte lesen sich eher bürgerlich und nicht revolutionär.

Zeh: Ich bin total bürgerlich.