Ich war einer von vier jungen Regisseuren, die 2006 im Rahmen eines Projekts bei den Salzburger Festspielen eine Komödie inszenieren sollten. Es war mein erster Auftritt dort; nach einigen Erfolgen in den Münchner Kammerspielen galt ich als Regiewunderkind. Ich hatte mir Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung von Christian Dietrich Grabbe ausgesucht. Ich finde, das ist ein toller Autor. Einziges Problem: Er schreibt unspielbare Stücke – und dieses hier war das unspielbarste von allen. Es ist völlig durchgeknallt und zusammenhangslos. Und gerade dadurch unfassbar geil.

Es ist eine Komödie, aber es gibt keine Geschichte, nur völlig abstruse Figuren, die auftauchen und wieder verschwinden. Wenn man die Handlung des Stückes in zwei Sätzen beschreiben soll, dann vielleicht auf diese Weise: Der Teufel kommt auf die Erde, weil in der Hölle gerade geputzt wird. Dabei gerät er in eine völlig verwahrloste Gesellschaft und erzählt, wer alles in der Hölle sitzt.

Manchmal glaube ich, Grabbe hat das Stück nur geschrieben, damit er sagen kann: Goethe und Schiller sitzen auch in der Hölle. Sehr zynisch, aber unglaublich modern.

Unser Ansatz war, die Figuren als verwaschene Gestalten auftreten zu lassen. Im Prinzip war das ganze Stück ein einziger Trip. Die Proben liefen super. Wir hatten mit den sechs Schauspielern acht Wochen lang gearbeitet, viele Texte von Grabbe gelesen und die Figuren gemeinsam entwickelt. Es gab zwar eine Struktur, aber jeder konnte improvisieren, es war eine echte Projektarbeit. Vor der Premiere dachte ich noch: "Geil, jetzt haben wir mal richtig was hingerotzt, woran man sich die Zähne ausbeißen kann." In Salzburg ist ja alles recht elitär und konservativ.

Am Abend der Premiere saß ich hinter der Bühne. Das Stück beginnt mit Kaffeemaschinen, zehn Minuten lang nur laufende Kaffeemaschinen. Erst dann kommen die Schauspieler aus ihren Behausungen raus, putzen sich die Zähne und gehen aufs Klo. Nach einer Viertelstunde haben die ersten Zuschauer den Saal verlassen. Insgesamt sind während der Premiere wahnsinnig viele Leute rausgelaufen. Und als wir am Ende auf die Bühne kamen, gab es ein Buh-Konzert. Das habe ich so noch nie erlebt: rauskommen und unisono ausgebuht werden.

Mir war deswegen schon am Abend klar, dass das nicht der wahnsinnige Publikumserfolg wird. Trotzdem hatte ich gehofft: Vielleicht versteht die Presse ja, was ich damit wollte, zumindest die Kritiker, die den Autor kennen. Welche Leistung wir da vollbracht haben, uns mit ihm auseinanderzusetzen.

Aber bis auf eine einzige Zeitung bekam ich nur vernichtende Kritiken. FAZ, Süddeutsche, Welt, ZEIT, alle. "Laientheater in seiner puren Form", haben sie geschrieben, und: "ein quälend präpotenter, eitel selbstgefälliger Abend". Was mich besonders getroffen hat, war eine Kritik, die sinngemäß etwa so lautete: "Den Namen des Regisseurs braucht man nicht zu erwähnen, weil er sowieso nie mehr auftaucht."