Stephan Lindner sitzt an seinem Schreibtisch, als ein Kollege anruft. Auch die zweite Operation sei gut verlaufen, berichtet er. Lindner atmet hörbar aus. "Freut mich", sagt er in den Hörer und lacht erleichtert. Schließlich hat er das Implantat, das Ärzte dem Patienten soeben eingesetzt haben, selbst entwickelt: ein Wirbelkörperersatz, der bis zum Lebensende im Körper des Patienten funktionieren soll.

Lindner, ein Mann mit kurzen braunen Haaren und grünen Augen, arbeitet für Aesculap, ein Unternehmen für Medizintechnik im schwäbischen Tuttlingen. Eigentlich hat er Maschinenbau studiert, nach seinem Studium an der FH Offenburg hätte er deshalb auch Autos, Flugzeuge oder Kraftwerke entwerfen können. Stattdessen machte er sein zweites Praxissemester bei Aesculap, fing Feuer – und blieb. Seither konstruiert er Implantate, die Teile der Wirbelsäule ersetzen sollen. "Mit meiner Arbeit kann ich etwas Gutes tun", sagt der 34-Jährige, "die direkte Verbindung zum Menschen macht mir Spaß."

Gutes tun, anderen helfen, wieder gesund zu werden – das machen in Deutschland nicht nur Ärzte, Schwestern und Pfleger, sondern auch rund 170000 Menschen, die in mehr als 11000 Firmen an Medizinprodukten arbeiten. Allein in der Region um Tuttlingen gibt es rund 400 Medizintechnikunternehmen, ein Ballungsraum meist klein- und mittelständischer Betriebe, wie es sie auch in Aachen, Berlin, Erlangen, Hamburg, Jena oder München gibt.

Die Branche wächst seit Jahren mit hohem Tempo. 22 Milliarden Euro Umsatz machten die deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr, lediglich in den USA und Japan ist der Markt für Medizintechnik größer. Neun Prozent ihres Umsatzes stecken die Firmen jedes Jahr gleich wieder in die Forschung und Entwicklung neuer Produkte: etwa Diagnosegeräte, Skalpelle, Prothesen.

Dafür brauchen die Unternehmen eine Menge Erfindergeist – und damit Ingenieure. Denn die sind mit ihrem Verständnis für Naturwissenschaft und Technik nicht nur in der Lage, medizinische Apparaturen weiterzuentwickeln oder zu reparieren. Sie haben auch gelernt, wie man mechanische, elektrische und physiologische Vorgänge im Körper des Menschen analysiert. Feilen an künstlichen Knie- und Hüftgelenken, verbessern Herzschrittmacher, Sensoren und Verbandsmittel. Tüfteln an Implantaten, die Taube wieder hören, Blinde wieder sehen, und Kranke wieder gesund werden lassen. Sind Medizintechniker vielleicht die besseren Ärzte?

So weit würde Olaf Dössel nicht gehen. "Ingenieure in der Medizintechnik kümmern sich um Systeme, die den Arzt unterstützen – den Arzt ersetzen können und wollen sie nicht", sagt der Leiter des Instituts für Biomedizinische Technik an der Universität Karlsruhe. Dössel erforscht unter anderem Herzrhythmusstörungen und entwirft dreidimensionale Computermodelle, die es Ärzten leichter machen, Operationen zu planen. "Ingenieure sind das Bindeglied zwischen Medizin und Technik", sagt er.

Wer mit ihm redet, begreift schnell: Mit einer Abneigung gegen Mathematik und Physik ist man in der Medizintechnik falsch aufgehoben. Auch Lindner sagt: "Für meine Arbeit brauche ich sehr gute Grundkenntnisse. Gerade das Fach Physik muss man lieben, sonst wird man kein guter Ingenieur." Ohne ein gutes Gespür für Kommunikation und interdisziplinäres Denken geht es aber auch nicht. "Erfolgreiche Ingenieure sind die, die auf Kunden und Kollegen zugehen können", sagt Dössel. Den Ingenieur, der still in seinem Kämmerlein vor sich hin werkelt, gibt es schon lange nicht mehr.