Um 6.30 Uhr stehe ich auf. Wenn eine Präsentation ansteht, muss ich auch schon mal um 3.30Uhr raus. Die kreative Arbeit leiste ich morgens, da habe ich den klarsten Kopf. Im sogenannten Projektreport fasse ich um 7.30 Uhr zu Hause die Vorstellungen eines Kunden für den Namen eines neuen Automodells zusammen, schreibe Namensbegründungen oder resümiere Gruppendiskussionen. Um dann einen Namen zu kreieren, versuche ich mich rational und emotional in die Psyche des Kunden hineinzuversetzen. Ich sitze am Tisch, konzentriere mich und lasse mir Silben durch den Kopf gehen.

Um 9 Uhr ruft ein potenzieller Neukunde an. Wenn mich das Produkt interessiert, vereinbare ich ein Gespräch. Pharmaprodukte schließe ich aus. Ich kann mir für Betablocker keine Namen ausdenken. Von 9.30bis10.15 Uhr bearbeite ich die Post, beantworte E-Mails und lese die Zeitung. Um 11 Uhrhabe ich einen Geistesblitz. "Evonik", eine Mischung aus Evolution und Technik – das ist es! So wird der Ruhrkonzern RAG künftig heißen. Der Name steht für mich an erster Stelle, vor den anderen fünf, die ich mir vorher ausgedacht habe. Ich bin glücklich. Es gibt nichts Schlimmeres, als mit zwei Namen zu sympathisieren.

Um 12 Uhr esse ich mit meiner Frau zu Mittag. Von 13 Uhr an beauftrage ich Anwälte, die erfundenen Namen auf mögliche Patentrechte, ihre Bedeutung in fremden Sprachen und Wirkung zu prüfen. Um 14 Uhr ein Anruf: Der Name "Kinky" kann nicht für ein Katzenfutter verwendet werden – auf Englisch bedeutet er "pervers". Um 14.30 Uhr drehe ich eine Runde im Garten, um einen freien Kopf zu bekommen.

Von 15.30 bis17 Uhr halte ich eine Präsentation, stelle für ein Produkt Namen vor. Das Wichtigste ist, dass ein Name einzigartig und charakteristisch ist. Kann man ihn sich dazu noch merken, ist er perfekt. Bis 19 Uhr erledige ich administrativen Kram. Meine Konzentration lässt nach, also mache ich Feierabend. Spätestens um23 Uhrgehe ich ins Bett.

Manfred Gotta, 60, entwickelt seit über 20 Jahren Namen für neue Produkte, Dienstleistungen und Unternehmen. Er erfand Markennamen wie Twingo, Smart und Megaperls. Sein BWL- Studium in Frankfurt/Main hat Gotta abgebrochen. 

Protokoll: Hadija Haruna