Weihnachtsmann ist seit je ein guter Studentenjob. Es sei denn, man wird vom eigenen Dozenten engagiert, weiß Professor Fritz Breithaupt

Das erste Mal, dass ich als Kind von der Universität erfuhr, war zu Weihnachten. Meine kleine Schwester wollte, dass der Weihnachtsmann kommt. Später hörte ich zufällig meine Eltern reden: "Ein Student muss her." Ein Student musste also so eine Art Weihnachtsmannhelfer sein, ein Elf oder Ent. Damals muss ich beschlossen haben, an die Uni zu gehen.

Der Weihnachtsmann kam. Er war eine Katastrophe. Zumindest sagten das später meine Eltern. Wir Kinder fanden ihn wunderbar ungehobelt. Etwa weil er den Eltern noch in unserer Gegenwart das Geld abknöpfte. Dabei machte er obendrein ein schlechtes Geschäft, denn die Geschenke sahen teurer aus als die Banknoten, die er dann einsackte. Der Weihnachtsmann schien das aber nicht zu merken und erhielt wohl mehr als abgemacht. Zumindest stimmte er danach noch ein Weihnachtslied an, dessen Worte er allerdings vergessen hatte.

Auch ich kam später an die Reihe. Von einer Gruppe meiner Professoren wurde ich gebeten, den Weihnachtsmann für ihre Kinder zu spielen. Ich sagte Ja. Das war ein Fehler. Dann bekam ich die Listen der Eltern, die vorgaben, was ich zu ihren Sprösslingen sagen sollte. Da stand meist ein kleines halbes Lob ("kooperiert seit Neuestem manchmal bei den Hausaufgaben") und dann kamen nur noch Vorwürfe ("soll mehr…", "muss…", "darf nicht...", "darf auf keinen Fall…"). Ich sollte den Kindern die Leviten lesen. Ich zerriss diese Listen und schrieb eine neue Liste – für die Eltern mit allen ihren Sünden. Das war auch ein Fehler.

Am großen Tag zitierte ich diese professoralen Eltern vor mich und trug die neue Liste mit der Autorität meines Wackelbauches und Rauschebartes in Anwesenheit der Kinder vor. Das war der größte Fehler. Meine Mentoren würden dies sofort bestätigen, auch jetzt, nach 15 Jahren. Einer von ihnen kam nach der Vorstellung zu mir und bedankte sich, dass er vergleichsweise milde davongekommen war. Er war sehr ernst. Kurz, ich war eine Katastrophe.

Für mich ist Weihnachten auch jetzt noch das Fest des heiligen Studenten: Dieser groteske Kerl mit Bart passt noch nicht so recht in die Welt der Erwachsenen, will aber schon von ihnen gehört werden. Und er ist der Schwellenwart zu einem geheimen Ort der Mystik, an dem die Enthüllung aller Geheimnisse zu erwarten ist. Auch wegen dieses Orts bin ich an die Uni gegangen. Viele Professoren haben längst vergessen, dass ihr Wissen für andere auch ein Fest und eine Bescherung sein kann. Nicht so der Weihnachtsmann. Bald werde auch ich einen Studenten suchen – für meine Kinder.

Professor Fritz Breithaupt, 41, erklärt in ZEIT CAMPUS regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrte Germanistik in Hamburg, Mannheim und an der FU Berlin und arbeitet nun an der Indiana University in Bloomington, USA