1911 in Breslau zu studieren begann, waren Frauen in der akademischen Welt so selten wie weiße Raben. In Preußen durften Mädchen erst seit 1896 Abitur machen, zum Universitätsstudium wurden sie 1908 zugelassen – und nur widerwillig aufgenommen. "Amazonen sind auch auf geistigem Gebiet naturwidrig", raunzte der große Max Planck. Um sich in dieser Männerdomäne nicht entmutigen zu lassen, musste eine Studentin schon so selbstbewusst auftreten wie die junge Edith Stein, die nicht zu bremsen war, schon gar nicht von Leuten, die sie nicht ernst nahmen.

Als die zwanzigjährige Edith Stein

Sie war das jüngste von elf Geschwistern einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Breslau und schon als Kind ein eigenwilliges, wissbegieriges Geschöpf, das sich in der Schule heimischer fühlte als zu Hause. Von früh auf war sie davon überzeugt, zu etwas Großem berufen zu sein.

Ihre Mutter hätte es zwar gern gesehen, wenn das Nesthäkchen Lehrerin geworden wäre, doch die junge Frau zog es in die Wissenschaft. Um die Familie zu beruhigen, belegte sie eine Fächerkombination, die für das Lehramt geeignet war – Germanistik, Geschichte, Latein und Philosophie –, aber ihre Doktorarbeit, zu der sie sich schon nach fünf Semestern anmeldete, wollte sie in Psychologie schreiben.

Sie war nicht nur bienenfleißig und zielstrebig, sondern auch eine besessene Wahrheitssucherin. Von der Psychologie erhoffte sie sich Auskunft über das Wesen des Menschen, über sein geistiges und seelisches Leben. Sie suchte klare Begriffe und sichere wissenschaftstheoretische Grundlagen, doch das Fach steckte noch in den Kinderschuhen.

Durch eine Zeitungsnotiz stieß Edith Stein auf den Namen von Edmund Husserl, dem Begründer der Phänomenologie, der in Göttingen lehrte. Seine Methode des Denkens, eine universale Sinn- und Bedeutungsforschung, war damals das große Thema in der akademischen Welt. In Husserls Seminar traf sie auf eine erlauchte Schülerrunde, der sie in der Radikalität des Fragens und der Hingabe an die Sache in nichts nachstand, auch in der spröden Arroganz nicht, die man Husserls "Göttinger Schule" nachsagte.

So kopflastig wie ihr Seminar war auch ihr Studentenleben. Zwar erzählt Edith Stein in ihren Erinnerungen von Wanderungen durch den Harz und das Riesengebirge. Sie spielte Tennis und musizierte mit Freundinnen. Stein vergisst aber auch nicht zu erwähnen, dass sie auf Waldspaziergängen mit Freunden in der Tasche ihrer Regenjacke stets Spinozas Ethik mit sich führte, um sich allein auf einem Hochsitz "abwechselnd in die Deduktionen über die eine Substanz und in den Ausblick auf Himmel, Berge und Wälder" zu vertiefen.

Nach ihrem Staatsexamen in philosophischer Propädeutik, Geschichte und Deutsch und nach einem Jahr als Krankenpflegerin in einem Typhuslazarett nahm sie 1916 die Arbeit an ihrer Dissertation über den Begriff der "Einfühlung" wieder auf. Husserl hatte diesen Begriff eingeführt, ohne ihn näher zu definieren. Die Klärungsarbeit sollte seine Doktorandin leisten. Sie tat es "summa cum laude".

Hebammendienste übernahm seine Meisterschülerin noch öfter für Husserl. 1916 machte er sie zu seiner Assistentin und nahm sie mit, als er einem Ruf nach Freiburg folgte. Doch die von Stein erhoffte Zusammenarbeit auf Augenhöhe kam nie zustande. In Wahrheit benutzte Husserl die 24-Jährige als Schreibkraft, die Ordnung und System in die – mit Gabelsberger Kurzschrift bekritzelte – Zettelwirtschaft des chaotischen Gelehrten brachte.

Schlimmer war, dass er ihre akademische Karriere mit allen Mitteln hintertrieb. 1919 hatte die Weimarer Verfassung die Habilitation auch für Frauen möglich gemacht. Aber die vier Anläufe dazu, die Edith Stein in Göttingen, Freiburg, Breslau und Kiel unternahm, scheiterten. Er sei nun einmal der Meinung, dass die Aufgabe der Frau das Heim und die Ehe seien, erklärte der Professor später einmal, immerhin leicht betreten.

Bereits 1918 hatte Edith Stein ihre Stelle bei Husserl aufgegeben. Es folgte eine radikale Lebenswende: Die hoch geschätzte Philosophin trat zum katholischen Glauben über, verschwand als Nonne hinter Klostermauern, wurde 1942 von den Nazis vergast und 1998 von Johannes Paul II. heiliggesprochen. Ein unglaubliches Schicksal.

Was sie heute wäre? Sie wäre genau das geworden, was sie immer sein wollte, aber wegen der Nazis nicht sein durfte: wieder eine Nonne, diesmal habilitiert. Ihren Platz zum Denken hätte sie nicht in der Universität gesucht, sondern in einem strengen, meditativen Orden, bei den Karmeliterinnen. Nur der Papst hätte sie dort ab und zu stören dürfen: Sie hätte eingewilligt, seine Enzykliken zu korrigieren.