Als ich vor dem Computer saß, wurde mir klar: Wenn ich da jetzt gleich die Taste Fünf drücke, besiegle ich damit Lukas’ Schicksal. Vor der Zeugniskonferenz müssen bei uns alle Lehrer die Noten ihrer Schüler in den Computer eingeben, und in Lukas’ Klasse war ich die Letzte, die damit dran war. Ich konnte sehen, welche Zensuren er von den Kollegen bekommen hatte. »Geschichte: 5«, stand da, »Sozialkunde: 5, Deutsch: 4, Englisch: 4«. Wenn ich ihm nicht mindestens eine Vier gäbe, würde er den Sprung in die zehnte Klasse nicht schaffen. Ich drückte auf die Fünf. Eine Sekunde lang passierte gar nichts. Dann erschien auf dem Zeugnisvordruck am Bildschirm eine rote Schrift: »Nicht versetzt«.

Ich unterrichte an einer erweiterten Realschule, da behält man als Lehrerin die Klassen sehr lange – was ich gut finde. So kann ich die Entwicklung der Schüler über Jahre hinweg verfolgen und meist recht genau einschätzen, warum jemand plötzlich einen Leistungsabfall hat.

Lukas hatte ich von der Fünften bis zur Neunten durchgehend in Mathe und Sport, sieben Stunden pro Woche. Als er zu uns kam, war er ein süßer, blonder Junge. Ein bisschen vorlaut zwar, aber trotzdem irgendwie charmant. Er war der Klassenclown, und ich mochte ihn. Seine Leistungen waren gut, den Wechsel vom Haupt- auf den Realschulzweig am Ende der sechsten Klasse schaffte er locker.

In der Siebten rutschte er dann allerdings ins Mittelfeld ab, und in der Achten kam er in die Pubertät. Aus dem süßen Jungen wurde ein unerträglich aufmüpfiger Kerl, der plötzlich aufhörte, seine Hausaufgaben zu machen, und im Unterricht nur noch störte. Nicht nur bei mir – alle haben sich über ihn beschwert. Die Versetzung in die Neunte schaffte er gerade so, aber dann wurden sein Verhalten und seine Noten unterirdisch.

In Mathe hatte er in den ersten drei Arbeiten eine Sechs, eine Fünf und eine Vier geschrieben. Kurz vor den Halbjahreszeugnissen sprach ich mit seinen Eltern; das mache ich immer so, wenn ich merke, dass es eng wird. Zu Lukas’ Eltern hatte ich einen relativ guten Kontakt. Manche Eltern fallen ja regelrecht in Ohnmacht, wenn man sie zum Halbjahr anruft, um den Stand der Dinge zu erklären – bei Lukas’ Eltern war das nicht so. Die wussten über seine schlechten Noten in Mathematik Bescheid. Aber sie konnten nichts dagegen tun. Nachhilfe war zu teuer, und beide Elternteile arbeiteten den ganzen Tag, da war keine Zeit für gemeinsames Hausaufgabenmachen.

Ich muss zugeben, kurz nach den Halbjahreszeugnissen war auch ich von Lukas so genervt, dass ich dachte, Mensch, der hat es nicht besser verdient, der soll sitzen bleiben. Er ließ sich gar nichts mehr sagen, und irgendwann ist auch für mich mal Schluss mit lustig. Aber dann kam diese Klassenfahrt.

Ich fuhr mit der Klasse nach Frankreich, zum Surfen, und dort habe ich Lukas nicht wiedererkannt. Er hielt sich an alle Regeln und Vereinbarungen, war unglaublich nett und hilfsbereit. Wir mussten jeden Tag die schweren Surfbretter an den Strand schleppen, und er half allen Mitschülern – wirklich allen. Da denkt man dann plötzlich: Mensch, der Junge hat doch ein gutes Herz, den kann ich doch nicht einfach sitzen lassen!