Die Palästinenser sehen ihm gleich an, dass er nicht auf diese Seite der Mauer gehört. Nicht auf das arabische Dorffest und nicht nach Anata, den Ort im Westjordanland nahe Jerusalem. Nir Landau, 29 Jahre alt, schwarze Hose, schwarzer Kapuzenpulli, eine teure Spiegelreflexkamera: Nir ist keiner von hier, so viel ist klar. Hinter ihm wächst die acht Meter hohe Betonmauer in den Himmel, die das Westjordanland von Israel abschneidet. Vor ihm hat sich ein Halbkreis aus drei Dutzend Palästinensern aufgebaut. Alles Männer. Sie bellen ihm ein paar Brocken Hebräisch entgegen, die sie am Checkpoint aufgeschnappt haben. »Ausweis. Weiter. Nach Hause.«

Nir spricht kein Arabisch. Er zählt auf Bilder, auf ihre Macht. Er nimmt einen Eimer hoch und pinselt Kleister auf die Mauer, der Fleck sieht aus, als ob der Beton an der Stelle noch nicht richtig trocken wäre. Als ob man mit der bloßen Hand eine Mulde hineindrücken könnte, mit etwas Kraft vielleicht sogar ein Loch hindurchbekäme. Dann entrollt er ein Plakat, das erste, und zieht es auf die Wand. Das Bild zeigt einen palästinensischen Jungen, eingeschüchtert, traurig, zu ernst für sein Alter. Er steht auf einem Balkon, im Hintergrund windet sich die israelische Sperranlage und teilt das Land in Grau und Grün, in Westjordanland und Israel. Es ist dieselbe Mauer, auf die Nir gerade seine Bilder klebt. Auf dem zweiten Plakat: 200 wartende Palästinenser. Links die haushohe Mauer, rechts ein Sicherheitszaun, im Fluchtpunkt der Checkpoint. Nir klebt ein Tropfen Kleister im Bart.

Google Maps: Blick auf die Trennlinie zwischen Israel und Gaza-Streifen
Nachdem ein drittes und viertes Bild an der Wand prangen, klatscht der erste Palästinenser, ein zweiter johlt. Sie haben erlebt, wie im Oktober 2005 Bagger auffuhren, eskortiert von Soldaten, um sie mit diesem Wall aus Beton aus Israel auszusperren; sie kennen israelische Panzer, palästinensische Autobomben – und viele gescheiterte Friedensprozesse. Aber einen Israeli, der sich auf die Seite der Palästinenser schlägt, der gegen die Besatzung protestiert, indem er das Leid fotografiert und seine Bilder plakatiert – das haben sie noch nicht gesehen. Bald rufen sie Parolen gegen Ehud Olmert, den damaligen israelischen Ministerpräsidenten. Und wenig später sitzt Keren, Nirs Kollegin, auf den Schultern eines Palästinensers, kleistert, klebt und koordiniert von oben. Nir reicht ihr ein neues Plakat. Ein Palästinenser zieht sein Handy, macht Fotos.

Klicken Sie bitte auf das Bild, um die Karte zu öffnenVor neun Jahren, als Nir Soldat war, kam er noch mit Sturmgewehr ins Westjordanland, um in einem Flüchtlingslager bei Hebron Wache zu schieben. Heute hat er die Seiten gewechselt. Es gehe ihm aber nicht darum, irgendetwas wiedergutzumachen, sagt er. Was er heute mache, sei keine Sühne, sondern Politik. »Alle schauen nur weg. Aber Ignoranz ist keine Entschuldigung.«

Seine Gruppe nennt sich ActiveStills, frei übersetzt: Standbilder, die bewegen. Sechs politische Fotografen aus Tel Aviv, Jerusalem und Bethlehem, die sich im November 2005 zusammengetan haben. Dazu kommen Unterstützer, die beim Kleben helfen. In einer einzigen Nacht bis zu 1600 Poster. Die Laserprints kosten 2,5 Schekel pro Stück, etwa 50 Cent. Geld, das die Aktivisten von befreundeten NGOs bekommen. Den Kleister machen sie selbst, kochen zu Hause in der WG Mehl mit Wasser und ein bisschen Zucker ein. Freunde aus Europa haben schon in Berlin, Paris und London plakatiert. Die Bilder bekommen sie per E-Mail. Drucken können sie vor Ort. Selbst in Los Angeles hängen Fotos aus Hebron.

Bethlehem, Gaza, Hebron und Jerusalem sind Themen der Bilderzyklen. Einer dieser Zyklen aus dem vergangenen Jahr besteht aus 40 Bildern, je eines für die 40 Jahre, die Israel die palästinensischen Gebiete seit dem Sechstagekrieg besetzt hält. Der Jahrestag war Grund für die israelische Regierung, ausgiebig zu feiern. In einer Festschrift heißt es, Israels überwältigender Sieg im Jahre 1967 habe den arabisch-israelischen Friedensprozess auf der Grundlage des Prinzips »Land gegen Frieden« überhaupt erst ermöglicht. »Es war ein bitterer Sieg, für den drei Millionen Menschen bis heute zahlen«, sagt die Aktivistin Keren Manor, 31, hager, mit Haarlocken wie Korkenziehern. Sie wolle das Leben der Palästinenser so zeigen, wie es heute aussieht. »Eine Wirklichkeit, für die wir Israelis verantwortlich sind.« Und von der die meisten Menschen in Israel nichts wissen – und auch nichts wissen wollen, meint sie. »Die leben ihren Alltag, spüren nicht, dass etwas wirklich Falsches passiert. Wenn du heute in Jerusalem fragst, wo es nach Ramallah geht, kann dir das niemand sagen – obwohl es nur drei Kilometer sind.«