Wer als Laie einmal versucht hat,eine Strickanleitung zu lesen, wusste es schon immer: "1. R: re. 2. R: re. 3. R: Randm, * 1 M re, 1 M tief" – Stricken ist etwa so komplex wie höhere Mathematik oder der Quellcode für das neue Linux-Betriebssystem und damit wie geschaffen für Männer.

Diese Komplexität scheint derzeit wieder den Zeitgeist zu treffen. Nachdem Stricken jahrzehntelang als Hobby für Großmütter galt, in etwa so cool wie eine Scheibe Graubrot, erlebt die Handarbeit derzeit unter lässigen Großstadtbewohnern eine ungeahnte Renaissance. Wer in Großbritannien und den USA etwas auf sich hält, muss nicht nur den Yoga- und Pilateskurs belegen, sondern auf dem Weg dorthin in den öffentlichen Verkehrsmitteln stricken. Fast jede Universität hat in diesen Ländern einen eigenen Strickclub, junge Menschen treffen sich zu Strickpartys und stricken in der U-Bahn – und nach Jahrhunderten der Frauendominanz trauen sich auch Männer wieder aus der Deckung und an die Nadeln.

Im Grunde treten sie nur das Erbe ihrer Vorväter an. Denn Frauen, dieses von Komplexität rasch überforderte Geschlecht, haben die überragende Kulturtechnik erst im 19. Jahrhundert erlernt. Über die tatsächlichen Ursprünge des Strickens ist sich die Wissenschaft uneins, vermutlich geht die Technik aber auf Fischer zurück, die so ihre Netze knüpften. Auch im Mittelalter, als Stricken noch echtes Handwerk war, wurden zur sechsjährigen Ausbildung nur echte Kerle zugelassen. Frauen hätten sich womöglich an den spitzen Nadeln verletzt.

Die Abgeordneten, die dann in den achtziger Jahren strickend im Bundestag saßen, waren allerdings wieder Frauen, genauso wie die Studentinnen, die es ihnen in den Hörsälen gleichtaten. Gestricktes war damals die Uniform der Atomkraftgegner – mit fragwürdigen ästhetischen Ergebnissen. Es hat über zwei Jahrzehnte gedauert, bis sich das Stricken von diesem Image-Desaster erholt hat. Jetzt scheint der Schock aber verwunden. Stricken ist wieder schön.

Der aktuelle Stricktrend aus den USA kommt nicht allein. Dort wird seit einigen Jahren nicht nur mit Begeisterung wieder gestrickt, sondern alles Mögliche gehäkelt, genäht, gedruckt, gebastelt und angemischt. Do-it-Yourself heißt die Bewegung, die Anfang der neunziger Jahre von den "Riot Grrrls" ausgerufen wurde, einer neuen Generation feministisch denkender junger Frauen: Konsumier dich nicht glücklich – mach es selbst! Sie gründeten nicht nur eigene Bands und Magazine, sondern versahen auch tantenhafte Handarbeitstechniken mit einer Punk-Attitüde, bis sie unter jungen Frauen wieder mehrheitsfähig wurden.

Debbie Stoller, die Gründerin des feministischen Frauenmagazins Bust und ein Star der Strickszene, schreibt in der Einleitung zu ihrem Buch Stitch’n Bitch: "Indem Frauen diese altmodische Technik wieder für sich beanspruchen, rebellieren sie gegen eine Kultur, die nur das Glatte, das Massenproduzierte, das Männliche anerkennt." Die vormals als antifeministisch verpönte Handarbeit wurde zum liebsten Hobby der jungen Dritte-Welle-Feministinnen.

Stricken ist mehr als ein nettes Hobby. Es ist – wie schon in den Achtzigern – eine politische Haltung. Und die kann man auf die Straße tragen, selbst wenn die selbst gemachten Pullis keiner anziehen will. Knitta Please begann 2005 in Houston mit einigen verunglückten Pullovern, die nicht fertig werden wollten. Zwei frustrierte Strickerinnen beschlossen, ihre halb fertigen Pulloverärmel und Schals heimlich um Ampelanlagen oder Straßenschilder zu wickeln, als gestricktes Graffito, als Intervention im öffentlichen Raum. Mittlerweile hat die Strickguerilla Mitglieder auf der ganzen Welt.