Ich habe kein Mitleid, wenn jemand in der Finanzkrise sein ganzes Geld verliert, bloß weil er sich zuvor nicht darum gekümmert hat, in was er da eigentlich investiert. Ich habe nicht geweint, als die Bild-Zeitung über eine 70-Jährige Omi berichtete, die 10000 Euro in Zertifikate des amerikanischen Bankhauses Lehman Brothers gesteckt hatte – und die nach der Pleite von Lehman alles verlor.

Ich habe gelacht, als ich den Fernsehpfarrer Jürgen Fliege in der Talkshow von Sandra Maischberger sah, wie er wortreich erklärte, dass ihn seine Lebensversicherung abgezockt habe – und dann herauskam, dass alles korrekt war und er nur das Kleingedruckte seines Vertrages nicht gelesen hatte.

So ist das nämlich immer: Wir verlieren Geld und suchen die Schuld bei anderen. Bei den Banken, die uns mit ihren Finanzprodukten über den Tisch zogen. Bei den Beratern, die uns nicht richtig informierten. Beim Staat, der die Gauner gewähren ließ, statt ihnen das Handwerk zu legen. Wir gefallen uns in der Opferrolle. Dass wir in Wahrheit die Täter sind, sehen wir nicht. Doch genau das ist der springende Punkt: Für das, was mit unserem Geld geschieht, sind nur wir allein verantwortlich. Und niemand sonst.

Wieso glauben wir ernsthaft, der Berater in einer Bank würde uns umfassend und – vor allem – objektiv informieren? Man geht doch auch nicht in ein Mercedes-Autohaus und glaubt, man würde dort alles über die neuesten Fahrzeuge von BMW und Audi hören. Wer sich ein Auto kaufen will, liest Testberichte und Fachzeitschriften, spricht mit Freunden und Verwandten und geht zu verschiedenen Händlern.

Wer 10000 Euro und mehr für ein Auto ausgibt, treibt verdammt viel Aufwand. Und das zu Recht. Wer dagegen 10000 Euro anlegen will, geht zur erstbesten Bank und unterschreibt das erstbeste Angebot. Sich nach Alternativen erkundigen? Ach was! Das wäre ja viel zu mühsam.

Wie kann es sein, dass wir viel Geld für Investmentfonds, Zertifikate oder Lebensversicherungen ausgeben, ohne uns vorher über die Risiken zu informieren? Wer von seinem Arzt ein neues Medikament verschrieben bekommt, schaut doch auch auf den Beipackzettel, bevor er die Pillen das erste Mal nimmt. Warum lesen wir dann nicht das Kleingedruckte in Finanzverträgen?

Die Antwort ist banal und erschreckend zugleich: Es ist die Komplexität, die uns überfordert. Doch je zahlreicher unsere Wahlmöglichkeiten sind, desto mehr Verantwortung haben wir. Für unser Geld. Für unser Handeln. Der Kölner Systemdenker Egon Zeimers hat mich darauf aufmerksam gemacht: Wir sind immer Teil des Systems, das wir verzweifelt zu verstehen versuchen. Aber indem wir handeln, ändern wir auch das System.