Noch keine 18 Jahre alt war Rosa Luxemburg, die Abiturientin aus Warschau, als sie im Februar 1889 in Zürich eintraf. Die heimliche Hauptstadt der Schweiz hatte sie sich als neuen Aufenthaltsort gewählt, weil deren Alma Mater zu den wenigen Universitäten Europas zählte, an denen Frauen studieren konnten; in Preußen ging das erst ab 1908.

Im Oktober 1889 immatrikulierte sich die junge polnische Jüdin für das Studium der Naturwissenschaften. Für Mathematik hatte sie sich schon immer interessiert, Zoologie und Botanik zählten zu ihren Lieblingsfächern. Noch als sie als Wortführerin der Kriegsopposition im Ersten Weltkrieg in Haft war, bestimmte sie Pflanzen; in Augenblicken politischer Enttäuschung pflegte sie zu bedauern, dass sie nicht bei der Botanik geblieben war.

Von 1892 an wandte sie sich verstärkt dem Studium der Ökonomie, der Philosophie und des Rechts zu. Zu ihren wichtigsten akademischen Lehrern zählte der Nationalökonom Julius Wolf. Rosa Luxemburg, die sich bereits als Schülerin mit den ökonomischen Theorien von Marx beschäftigt hatte, bereitete es großes Vergnügen, den Gelehrten in Dispute zu verwickeln. Es spricht für dessen Liberalität, dass er, wie er später schrieb, "dem begabtesten der Schüler meiner Züricher Jahre, Rosa Luxemburg, die freilich fertig als Marxistin aus Polen und Rußland zu mir gekommen war, die akademischen Steigbügel" hielt.

Rosa Luxemburg war von Anfang an auch politisch aktiv. Zürich war damals ein Zentrum der politischen Emigration, vor allem für Verfolgte aus dem zaristischen Russland. Einen von ihnen, den Studenten Leo Jogiches aus Wilna, lernte sie 1890 kennen, und bald wurden sie ein Liebespaar. Beide wirkten mit an der Gründung einer neuen marxistischen Partei Polens, und gemeinsam gaben sie die Zeitschrift Sprawa Robotnicza ("Sache der Arbeiter") heraus, für die Rosa Luxemburg unter dem Pseudonym R. Kruszyńska Artikel schrieb.

Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte sie auf dem III. Internationalen Arbeiterkongress in Zürich im August 1893. Der belgische Sozialist Émile Vandervelde erinnerte sich, wie die kleine, schmächtige Person "ihre Sache mit solchem Magnetismus im Blick und mit so flammenden Worten" vortrug, dass sie den ganzen Kongress in ihren Bann zog.

Trotz ihrer politischen Arbeit verfolgte Rosa Luxemburg ihre wissenschaftliche Ausbildung zielstrebig: Im März 1897 reichte sie ihre Dissertation ein. Sie war in deutscher Sprache verfasst und trug den Titel Die industrielle Entwicklung Polens. Bereits 1898 erschien sie als Buch bei Duncker & Humblot in Leipzig. "Eine interessante Kuriosität", bemerkte die sichtlich zufriedene Doktorandin. "Ich habe eine sozialistische Dissertation verfaßt, und sie wurde mit großem Lob von Professor Julius Wolf angenommen! Das gibt ein Gaudium!" Tatsächlich zollte der Doktorvater der Arbeit große Anerkennung. "Sie erschließt ihr Thema, ohne je weitläufig zu werden, und legt Zeugnis ab ebenso von theoretischer Begabung wie von praktischem Blick."

 

Nur wenige Monate nach ihrer Promotion zog Rosa Luxemburg von Zürich nach Berlin und verschrieb sich ganz der Arbeit in der deutschen Sozialdemokratie, der größten und bestorganisierten Partei der Zweiten Internationale. Rasch profilierte sie sich als Wortführerin des linken Flügels. Nach der Zustimmung der SPD-Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten am 4. August 1914 brach sie innerlich mit der Partei und scharte die oppositionellen Kräfte im Widerstand gegen das Völkermorden um sich.

An der Jahreswende 1918/19 gründete sie mit Karl Liebknecht die Kommunistische Partei Deutschlands. Dass es führende Sozialdemokraten waren, die Mitverantwortung an ihrer Ermordung in Berlin im Januar 1919 trugen – das hätte sie sich wohl kaum jemals vorstellen können.

Was heute aus ihr geworden wäre? Man kann sie sich gut denken als Professorin auf einem der großen Lehrstühle für Ökonomie, denn während ihrer Lehrtätigkeit an der Berliner Parteischule der SPD seit 1907 hatte sie bewiesen, dass sie nicht nur eine hervorragende Theoretikerin war, sondern auch eine begeisternde Pädagogin. Ihrem analytischen Verstand wäre nicht verborgen geblieben, was es mit den gegenwärtigen Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten auf sich hat, und gewiss hätte man von ihr auch eine Antwort erwarten können auf eine Überlebensfrage der Menschheit: wie der Kapitalismus nicht nur gezähmt, sondern abgeschafft werden kann. Politisch würde sie sich vermutlich wiederfinden in der Linkspartei als scharfe Kritikerin einer SPD, die mit den Hartz-IV-Gesetzen ihre Identität preisgegeben hat – wie die SPD im August 1914 mit ihrer Zustimmung zur Kriegspolitik der kaiserlichen Regierung.

Zum Weiterlesen:  Annelies Laschitza: "Rosa Luxemburg. Im Lebensrausch, trotz alledem". Eine Biographie, Aufbau Verlag, 2. Auflage, Berlin 2002; 688 Seiten, 10 Euro