Berufsanfänger mag es verblüffen, aber tatsächlich gilt es in einem neuen Job nicht nur, die unmittelbaren Kollegen günstig zu stimmen, sondern mindestens ebenso die dienstbaren Geister im Hintergrund, die Hausmeister, Techniker, Büroboten (falls es sie noch gibt).

Nur der Hausmeister kann den Schlüssel zum Fahrradkeller beschaffen, der auf dem Dienstweg unerreichbar bliebe. Nur der Nacht- wächter kann ein Zimmer aufschließen oder den Weg zum Drucker bahnen, wenn alles Leben in der Firma bereits erloschen ist. Es gibt Sekretärinnen, von deren Wohlwollen allein es abhängt, ob ein wichtiger Chef auch für den Jungkollegen zu sprechen ist. Ganz abgesehen von all den inoffiziellen Schleichwegen zu Entscheidungen, Genehmigungen oder auch zu Formularen, die selbst der unmittelbare Vorgesetzte nicht kennt oder nicht verraten will.

Auch sind Sekretärinnen, vor allem die älteren, oft Quellen kostbaren Trostes, psychologischer Raffinessen und Hintergrundinforma- tionen. Und selbst wenn sie es nicht sind, wenn es sich um gefährliche Drachen handelt – umso wichtiger, sie gnädig zu stimmen! An Sekretärinnen kann man auch scheitern. Zumal sie ihre Abneigungen, anders als der Vorgesetzte, nicht begründen müssen.

Der Wert inoffizieller Kontakte und Sympathien steigt mit der Größe und Unübersichtlichkeit der Firma. Ist der Betrieb aber winzig, führt an der Chefsekretärin oder der Anwaltsgehilfin erst recht kein Weg vorbei. Hier sind Blumen, Popkonzertkarten und Pralinen (Vorsicht bei Schlankheitsfanatikerinnen!) die beste Investition, die der Anfänger tätigen kann. Auch ein Flirt oder liebevolle Erkundigungen nach der Gesundheit können angebracht sein, zumal sie nicht so leicht als Schleimerei missverstanden werden können wie gegenüber Vorgesetzten. Jedoch sollte man nicht zum Charmeur der Abteilung aufsteigen. Die Geister, die man rief, wird man sonst nie wieder los.

Jens Jessen ist Feuilleton-Chef der ZEIT.