Neulich habe ich meine Abschlussarbeit weggeworfen. Romanistik, eine Abhandlung über einen Dichter des 16. Jahrhunderts. Ich zog um, brauchte Platz und war froh, als ich sie los war. Die Arbeit steht für fünf verschenkte Monate und liest sich so, wie ich mich beim Schreiben gefühlt habe. 68 Seiten Langeweile.

Eigentlich bin ich einmal zur Uni gegangen, weil ich gern gelesen und geschrieben habe. Heute weiß ich, dass das naiv war. Im Literaturstudium lernte ich zwar, dass es barbarisch ist, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, dass sich die Struktur der Öffentlichkeit gewandelt hat und Systeme selbstreferenziell sind. Wie man gut schreibt, habe ich jedoch nicht gelernt. Im Gegenteil: Ich habe sogar vergessen, dass ich das überhaupt einmal wollte.

Vielen meiner Freunde ging es so. Statt klares Deutsch zu schreiben, erlagen wir der »Faszination des Unverständlichen«. Die Formulierung stammt von Wolf Wagner, Professor für Sozialwesen in Erfurt, der in seinem Ratgeber Uni-Angst und Uni-Bluff heute beschreibt, wie die Uni intellektuelle Hochstapler heranzieht. Sie bluffen, weil sie Angst haben, sich zu blamieren, und drücken sich so kompliziert wie möglich aus, weil sie hoffen, dass ihre Leser komplex mit kompliziert verwechseln.

Das klingt dann so: »Die Applikation der Dialektologie im Bereich der Kulturraumforschung wie Volks- und Landeskunde basiert auf einer Adaption der diatopischen Betrachtungsweise und der damit verbundenen kartographischen Darstellungsverfahren sowie auf der hilfsdisziplinären Funktion dialektaler Erscheinungen im Rahmen kulturgeographischer Untersuchungen und führt generell zu einer Stützung kulturanthropologisch-geographischer Aussagen.« Alles klar?

Der emeritierte Professor für Wissenschaftstheorie, Helmut Seiffert, hat diesen Nullsatz in der Arbeit eines Sprachwissenschaftlers entdeckt, dessen Namen er gnädig verschweigt. Seiffert zitiert ihn in einem Aufsatz, der den schönen Titel Die Sprache der Wissenschaftler als Imponiergehabe trägt. »Imponiergehabe«, schreibt Seiffert, »ist ein Ausdruck aus der Verhaltensforschung. Man denkt etwa an einen Hahn im Hühnerhof.«

Gratuliere! Sie haben eines unserer Ostereier gefunden! Wir haben noch mehr davon auf ZEIT ONLINE verstecktWie die Hähne stolzieren viele Wissenschaftler über den Campus und plustern sich auf. Sie schreiben vor allem, um andere Wissenschaftler zu beeindrucken und für ihr Renommee. Das geht offenbar am besten mit Theoriegekrähe, das möglichst gewichtig klingt.

Das wäre nicht weiter dramatisch, würden viele Studenten nicht glauben, dass ihre Professoren und Dozenten recht haben. Sie glauben, dass nur der eine Eins in der Hausarbeit bekommt oder später zum Hiwi berufen wird, der seinem Professor nacheifert. Eine Generation überträgt den schlechten Stil an die nächste, so pflanzt er sich fort. Je weltferner und abgehobener, desto besser.