"Macht bloß keine Jobs neben dem Studium", riet ich meinen Studenten, als ich als Assistenzprofessor an der Uni anfing. "Nehmt lieber einen Kredit auf, um schnelle Fortschritte beim Studieren zu machen."

Die Erinnerungen an meine eigenen Jobs saßen noch zu tief. Morgens um sechs musste ich bei der Post sein. Hamburg-Blankenese. Hübsch ist es da – aber auch hügelig. Für mich hieß das: Treppen hoch und Treppen runter, mit schwerer Posttasche und ohne Rad. Wer die Route kannte, war mittags fertig, ich als Ersatzmann war meist um 15 Uhr noch dabei, unter Efeu versteckte Postschlitze zu suchen. Dann schnell zur Uni, von 16 bis 18 Uhr Seminar, hier war es richtig hart, bei den langatmigen Referaten nicht als Erster einzuschlafen. Abends und am Wochenende habe ich schlechte Übersetzungen gemacht, als Hiwi Dias für die Kunstgeschichtler beschriftet oder im Buchladen ausgeholfen. So bekam ich das Geld, das ich zum Studium brauchte – allerdings auf Kosten meiner wertvollen Studienzeit, so dachte ich zumindest.

Inzwischen rate ich meinen Studenten nicht mehr von den Jobs ab. Es ist da etwas hängen geblieben. Zum Beispiel, dass mir die knochenarmen Rentnerinnen immer ein Trinkgeld gaben, wenn ich als Briefträger die Rente austrug, während mir die Banker mit ihren vielen Einschreiben nicht einmal in die Augen schauten. Oder wie mir der Künstler Horst Janssen die Fanpost ungeöffnet zurückgab. Pakete mit Pralinen, Weinflaschen und der Bitte, doch "ein Autogramm mit klitzekleiner Zeichnung" zurückzuschicken. Ich liebe Fanpost. In den Jobs habe ich gelernt, was die Uni einem nicht beibringt: pünktlich die Rechnungen zu zahlen, Menschen aller Art Respekt zu zollen und mich nicht von dem Geld der anderen einschüchtern zu lassen. Ich weiß, wie es in der Psychiatrie zugeht, und kenne die Sorgen der kleinen Buchläden.

Mein bester Job war in einer kleinen Sprachschule in Berlin, Deutsch für die Frauen reicher Geschäftsleute aus dem Ausland. Die netten Damen luden den Kurs reihum zu sich nach Hause ein. Und dabei kamen sie unter Zugzwang, sich untereinander zu übertrumpfen mit dem Nebenprogramm an "kleinen Vorspeisen". Den ersten Butler hielt ich noch für den Gatten und also den amerikanischen Generalkonsul. So wurde aus einem hungrigen Studenten ein wohlgenährter. Und gut gesättigt habe ich dann erst richtig verstanden, was für ein Privileg Lehren und Lernen eigentlich ist.

Ich musste keinen Kredit aufnehmen. Den Blankeneser Bankern wollte ich nichts zurückzahlen müssen. Darüber kann ich im Jahr der Wirtschaftskrise doppelt froh sein. Also, jobbt, Leute, jobbt!

Professor Fritz Breithaupt, 42, erklärt in ZEIT CAMPUS regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrte Germanistik in Hamburg, Mannheim und an der FU Berlin und arbeitet nun an der Indiana University in Bloomington, USA