Wenn die sommerliche Hitzewelle die Büros erreicht, leidet zuallererst die Kleidung. Dass Herren ihre Jacketts ablegen, ist vielleicht sogar wünschenswert, vor allem, wenn es geschieht, bevor sich unter den Armen dunkle Flecken über das Hemd ausbreiten. Ist das schon passiert, muss das Jackett natürlich anbleiben!

Etwas anderes ist die Neigung zu strandnaher Fußbekleidung. Mit Sandalen ist auch dann kein Punkt zu machen, wenn die Füße noch nicht schwitzen – und später erst recht nicht. Nackte Füße sind tabu. Barfuß über den Flur zu laufen vermittelt vielleicht das interessante haptische Vergnügen an dem neuen Teppichboden, untergräbt aber jeden Respekt.

Ähnliches gilt für ärmellose Blusen oder spaßige Babydolls, wenn die Achseln der Damen nicht rasiert sind. Herren sollten ihre Achseln sowieso niemals zeigen, selbst bei aller Liebe zu modischen Muscle-Shirts und auch dann nicht, wenn es gerade als besonders chic gilt, die Zigarettenschachtel unter den Schulter- träger des Netzhemdes zu stecken. Überhaupt wirft der Sommer drängend die Frage nach dem Umgang mit der Körperbehaarung auf. Nur der Deutsche mit seiner ökologisch inspirierten Freude am Naturzustand hält unrasierte Damenbeine für attraktiv. Hier ist größte Vorsicht geboten vor allem bei Geschäftsbesuch aus den optisch wie hygienisch strengeren Ländern Südeuropas. Der Sommer, auch wenn er als urlaubsnah empfunden wird, ist keine Jahreszeit, um sich gehen zu lassen, eher die Saison der Disziplin. Wirklich gut erzogene Menschen schwitzen nicht oder nur so dezent, dass es die Benutzung eines blütenweißen und gut gebügelten Taschentuchs erlaubt.

Jens Jessen ist Feuilleton-Chef der ZEIT