Der älteste erhaltene Prosatext von Friedrich Dürrenmatt ist 28 kurze Sätze lang. In Weihnacht begegnet er dem Christkind. Es ist tot. Als er von dessen Heiligenschein kostet, schmeckt dieser wie altes Brot und der Kopf wie Marzipan. Es herrscht Endzeitstimmung, alle Gestirne sind erloschen.

Um die Schweiz herum tobte damals ein Weltkrieg, und der 21-jährige Friedrich Dürrenmatt aus Bern studierte gerade im zweiten Semester Philosophie und Naturwissenschaften in Zürich . Der Jesuserzählung ließ er die düstere Geschichte Der Folterknecht folgen – mit Gott als wahrem Sadisten. Danach schrieb der Student Die Wurst: Ein zum Tod verurteilter Mörder bittet darum, verspeisen zu dürfen, was vom Opfer (seiner Frau) übrig geblieben ist. Aber da hat der zerstreute Richter sich schon das Corpus Delicti einverleibt, versehentlich.

Irrwitzige, morbide Fantasien trieben den späteren Schöpfer der Physiker und des Besuchs der alten Dame um. Ein Arsenal bizarrer Figuren und Szenen wirbelte im Kopf des jungen Mannes umher, der sich zwar offiziell an der Uni eingeschrieben hatte, aber lieber in Kneipen und im Atelier eines Malers auf Erkenntnissuche ging. Später verriet er: In Wirklichkeit "lebte ich nur nachts". An die Tür seiner Zürcher Mansarde hatte er "Nihilistischer Dichter" geschrieben. In Der Rebell (Stoffe III) schildert er, wie sein Nachtleben aussah: "Der Winter 1942/43 war kalt. Wenn ich bis drei Uhr morgens geschrieben oder gezeichnet hatte, zog ich meine zwei Wintermäntel an, den einen über den anderen, und wanderte durch die verdunkelte Stadt; [...]. Dann trank ich im Bahnhof- buffet Milchkaffee."

Noch hatte er keinen Text veröffentlicht; das sollte er erst 1945 tun, gegen Ende seines Studiums. Bis dahin verlieh er seiner Gedankenwelt nicht mit Worten Ausdruck, sondern mit Pinsel und Tube – als Maler. In einer kleinen Mansarde in der Berner Laubeggstraße 49 entdeckten Forscher im Jahr 1993 bunte Wandbilder und legten sie frei. Vier Jahrzehnte lang waren sie verschollen gewesen, weiß überstrichen. Es handelte sich um Gemälde, die Dürrenmatt noch vor seinen Zürcher Semestern, als Student der Universität Bern, an Wände und Decke seiner Schlaf- und Arbeitskammer im Dachstock des elterlichen Wohnhauses gepinselt hatte.

"Ich malte die Wände nach und nach aus, um mich gegen die Umwelt abzuschirmen, wie sich die Höhlenbewohner mit ihren Bildern gegen die Umwelt abgeschirmt hatten." Eine wilde Kreuzigungsszene entwarf er über seinem Bett; daneben Nietzsche im Nachthemd, die Hand zum Hitlergruß erhoben, ein Gräberfeld mit drei Geistlichen unter Heiligenscheinen und eine wilde Versammlung von Figuren der Zeitgeschichte: Hitler, Churchill, Mussolini, Stalin, Molotow, Roosevelt. Von der Decke starrte eine Medusa, an der Kaminmauer bot Salome den Kopf Johannes’ des Täufers dar.