ZEIT CAMPUS : Herr Kositzke, Sie lehren Rhetorik an der Uni Tübingen, am einzigen Rhetorik- Seminar in Deutschland. Wofür muss man überhaupt reden lernen – geht es bei Vorträgen nicht vor allem um die Sache?

Boris Kositzke : Das denken Redner oft. Sie beschäftigen sich mit dem Gegenstand, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wem sie das alles erzählen wollen. Dabei hat eine Rede nur einen Sinn, weil es ein Publikum gibt. Um dieses zu erreichen, brauchen Sie Rhetorik.

ZEIT CAMPUS : Was genau ist eigentlich Rhetorik?

Kositzke : Nach der klassischen Definition: die Kunst, zu überzeugen. In den Anfängen der Rhetorik geht es um politische Reden und Gerichtsreden. Mit dem Fachvortrag beschäftigt sie sich erst später. Obwohl der erste Text über Rhetorik selbst einer ist – eine Vorlesung von Aristoteles .

ZEIT CAMPUS : An der Uni und im Berufsleben scheinen Vorträge ja immer wichtiger zu werden.

Kositzke : Die Rhetorik erlebt zumindest in Deutschland eine Renaissance. Lange war sie aus Universitäten und Schulen fast verschwunden, weil es keine rhetorische Kultur gab: Anders als in England oder Frankreich konnte sie sich auf politischer Ebene bis ins 20. Jahrhundert hinein nie richtig frei entfalten. Auf den internationalen Märkten haben die Deutschen dann gemerkt, dass andere rhetorisch besser sind und dass es gut wäre, diese Schlüsselqualifikation zu entwickeln.

ZEIT CAMPUS : Und welche Möglichkeiten gibt es dafür?