Noch nie kam Leopold von Gumppenberg auf die Idee, die Räume in Schloss Pöttmes zu zählen – es sind zu viele. Als Kind spielte er mit mittelalterlichen Säbeln und tobte durch pastellfarbene Salons. Zweifellos böte das elterliche Anwesen die perfekte Kulisse für einen Rosamunde-Pilcher-Film. Und Leopold gäbe einen geeigneten Hauptdarsteller ab: Der 22-Jährige trägt die blonden Haare seitlich gescheitelt, hat eine Vorliebe für Cordhosen und redet gern in Schachtelsätzen.

Für sein Jurastudium in München ist er aus dem Schloss ausgezogen und hat sich eine Studentenbude genommen, um sich die freiherrlichen Hörner abzustoßen. München liegt nur eine Stunde von Pöttmes entfernt, trotzdem ist es eine andere Welt. In seinem Semester ist Leopold einer von vielen, muss sich gegen ehrgeizige Studenten behaupten. Es gibt mehr Freiheiten, manchmal fühlt sich Leopold aber auch fremd. "Ich bin eben ein bisschen anders", sagt er. Oft fällt es ihm schwer, eine Matrikelnummer an der Massenuniversität zu sein. Jura ist ein Lernfach, man muss viel pauken. Manchmal, wenn eine schwere Prüfung ansteht, betet er einen Rosenkranz in der schlosseigenen Kapelle.

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Zu Beginn seines Studiums investierte er viel Zeit in eine standesgemäße Optik seines StudiVZ-Profils. Auf seinem Profilbild posierte er im Frack, andere Fotos zeigten ihn mit jungen Studentinnen auf Adelsbällen. Oder auf der Jagd: Leopold steht im Pöttmeser Wald, 1000 Hektar davon gehören zum Familienbesitz. Das Gewehr liegt ihm lässig über der Schulter. Er präsentierte sich in Barbourjacke, als Mitglied in Gruppen wie "Adel verpflichtet" oder "Mir stinken die Linken". Für ihn und seine Freunde ist das Aristokratische wieder modern, schließlich behaupten die Feuilletons, das Volk habe seine Blaublüter wieder gern. Den CSU-Politiker Freiherr von und zu Guttenberg tauften die Klatschblätter jüngst "Baron der Herzen". "Wir sind stolz auf unsere Herkunft und die Tradition, die damit verbunden ist", sagt Leopold. Später will er eine große Familie gründen, auch um den Familienstammbaum fortzuführen. "Es passiert so schnell, dass eine Linie ausstirbt", sagt er. Für die Ehe wünscht er sich eine Dame mit guter Erziehung, die gerne den Haushalt führt. "So jemanden zu finden ist heutzutage weiß Gott nicht leicht", sagt er.

Der Name von Gumppenberg ist in Leopolds Heimatdorf Pöttmes fest verwurzelt. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1271. Über Jahrhunderte herrschten hier seine Vorfahren, vermehrten den Besitz, fällten Todesurteile. Noch heute recken am Tor zwei Löwen das Haupt, auf der Brust tragen sie farbige Symbole. "Die Wappen der herrschenden Familien", sagt Leopold. Die Mutter aus einem österreichischen Grafengeschlecht, der Vater ein von Gumppenberg. "Die Leute denken immer, bloß weil man ein Schloss hat, ist man reich", sagt Leopold. Niemand bedenke die Kosten für die Instandhaltung. "Man muss viel investieren." Erst vor Kurzem habe man die Schlossbrauerei schließen müssen, nach 600 Jahren. Leopold ist der zweitälteste Sohn; er hat drei Brüder. Der Beste soll den Besitz eines Tages übernehmen, so wünscht es der Vater. Während der ältere Bruder Franziskus Forstwissenschaft studiert, entschied Leopold sich für Jura. Ein solides Fach.

"Ich habe den Eltern weiß Gott genug Sorgen bereitet", sagt Leopold. Er trug die Haare mal lang, hörte düstere Musik. Sogar ein Che-Guevara-Poster hing im Schloss. Erst ging er aufs Dorfgymnasium, dann schickten ihn die Eltern auf ein Internat. Damals protestierte er, heute zeigt er sich einsichtig. Ausbildung und Umfeld in Pöttmes seien einfach nicht auf demselben Niveau gewesen wie das Internat in Iserlohn.

Obwohl er heute in München lebt, besucht er die Eltern oft. Gestern war er mit seinen adeligen Freunden in der Dorfdisco feiern, heute muss der Kater kuriert werden. Leopold bewahrt Haltung. "Andere haben es leichter, sich zu amüsieren", sagt er. "Wir können nicht betrunken in der Ecke liegen oder nackt auf den Tischen tanzen, weil wir die Kinder vom Baron sind und den Besitz einmal übernehmen werden." Beim Mittagstisch versorgt sein Bruder Franziskus die Runde mit badischem Weißwein. "Darf ich nachschenken?", fragt er. Dabei hält er den linken Arm steif hinterm Rücken. Haltung bewahren, das gehört dazu.