Heiligabend ist ein einsamer Tag. Das erste Weihnachten ohne meine Familie. Ich, das Großstadtkind, bin allein in der Provinz: Lindenberg im Allgäu, 11000 Einwohner, die meisten davon katholisch. Erst im Herbst bin ich von Berlin hierhergekommen, als Vikarin, so heißen evangelische Pastorinnen in der Ausbildung. Die Predigt an Heiligabend wird meine dritte vor dieser Gemeinde sein. An einem normalen Sonntag stehe ich vor 30 Besuchern, heute aber werden alle 230 Plätze besetzt sein, so viele Zuhörer hatte ich noch nie! Ich bin keine Selbstdarstellerin. Mir fällt es nicht leicht, vor Menschen zu sprechen, das war schon im Studium so. Dann zittern meine Hände, ich fange an, mir selbst beim Sprechen zuzuhören, und werde noch nervöser.

Der Heiligabend-Gottesdienst ist vielleicht der wichtigste Gottesdienst des Jahres. Für viele ist er nur der Startschuss ins Familienfest und der einzige Kontakt mit der Kirche, den sie noch haben. Für mich ist er zugleich die einmalige Gelegenheit, diese Menschen zu erreichen. Wenn ich meine Sache gut mache, kommt vielleicht der eine oder andere wieder, weil er merkt: Was da gesprochen wird, hat etwas mit mir zu tun.

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Die meisten sind es gar nicht mehr gewohnt, jemandem zuzuhören, der ohne PowerPoint eine Viertelstunde am Stück redet. Umso besser muss ich sein. Aber ist es nicht vermessen, zu glauben, dass ich die Leute an so einem Tag tief in ihrer Seele berühre? Ich bin 29, ich bin Anfängerin, werden sie mich überhaupt ernst nehmen?

Am Morgen telefoniere ich mit meinen drei Geschwistern, das beruhigt mich. Danach gehe ich meine Predigt durch – mehr als zwei Tage habe ich an ihr geschrieben. Ich lese sie laut vor, damit ich später nicht am Blatt klebe. Ich habe diesen Beruf gewählt, weil mich die existenziellen Dinge des Lebens interessieren, Geburt, Liebe, Krankheit, Tod. Ich stand vor der Wahl: entweder Modedesign oder Theologie, beides sind Leidenschaften von mir. Eine Schneiderlehre habe ich schon abgeschlossen, aber für die Mode fehlte mir das Missionarische: Mir ist völlig wurscht, wie mein Gegenüber angezogen ist, wenn es sich wohlfühlt. Ob sich aber jemand von Gott angenommen fühlt, das ist mir nicht egal. Deshalb will ich Pastorin werden. Ich will den Leuten zeigen, dass es da jemanden gibt, der uns bedingungslos liebt, ohne dass wir dafür perfekt sein müssen. Ist das nicht eine grandiose Botschaft? Und beim Schreiben einer Predigt kann ich meine Kreativität genauso ausleben wie beim Schneidern, auch wenn man beides nicht vergleichen kann.

In einer guten Predigt stecken Bildung und Trost. Ich halte keine Vorlesung, aber ich will, dass die Zuhörer etwas kapieren. Dass sie einen Gedanken mit nach Hause nehmen oder ein Gefühl. Eine Frau hat mir mal gesagt, dass ein Halbsatz aus meiner Predigt sie sehr berührt habe. Das war für mich die schönste Rückmeldung. Dabei hatte ich den Satz zunächst für eher unbedeutend gehalten.

Heute will ich etwas wagen. Mein Predigttext ist das Weihnachtslied Ich steh an deiner Krippen hier von Paul Gerhardt. Ich werde predigen und die Gemeinde zwischendrin einzelne Strophen singen lassen. Die zentrale Zeile für mich lautet: »Da ich nicht geboren war, da bist du mir geboren.« Das bedeutet: Das größte Geschenk an Weihnachten ist, dass Gott sich selbst der Welt schenkt, indem er Mensch wird. Und das ist der wahre Grund dafür, warum wir einander beschenken an Weihnachten. Und nicht, weil die Heiligen Drei Könige anmarschiert sind und ihren Krempel angeschleppt haben! Kurz nach fünf schon bin ich in der Kirche. Eiskalt ist es. Ich kann doch meine Jacke nicht unterm Talar anbehalten! Ich springe nervös zwischen den Bänken herum, raffe den Heuhaufen weg, der vom Krippenspiel übrig geblieben ist. Währenddessen kommen schon die ersten Besucher und halten ganze Reihen für ihre Verwandten frei.