Die Adventszeit in den Firmen wird nicht nur von hysterischer Geselligkeit begleitet, von Weihnachtsfeiern, allzu berauschenden Glühweinpartys auf den Fluren und der spontanen Verkostung selbst gebackener Plätzchen.

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Die Adventszeit hat auch ihre stille Seite. Nach und nach brechen die Kollegen zu den ersten Skiausflügen auf, Resturlaube werden genommen, der Krankenstand steigt mit den immer tiefer sinkenden Temperaturen. Eine allgemeine süße Erschlaffung geht mit der Erwartung des Christkindes einher.

Den verbleibenden Kollegen am Arbeitsdeck dagegen wachsen ungeahnte Energien zu. Was sie bisher bremste, die stete Dreinrede, Aufsicht, Kontrolle, die Meetings und das schlimmste aller Kreativitätshindernisse: die Abstimmung mit anderen Abteilungen – all das entfällt. Jetzt kann man schalten und walten! Noch kurz vor Jahresende Fakten schaffen. Projekte nicht nur erfinden, sondern gleich auch durchführen und abschließen. Oder doch zumindest einmal den Schreibtisch leeren, das Labor aufräumen, die Werkstatt sortieren.

Die schönste Zeit aber sind die Tage zwischen Weihnachten und Silvester. Ein heimliches Kichern und Frohlocken verbindet die Kollegen zu einer rumpelstilzchenhaften Solidarität: "Ach, wie gut, dass keiner weiß…" Es ist die Zeit der kurzen Wege, der unwiderruflichen Entscheidungen, der jähen Einschnitte in den Machtbereich abwesender Kollegen. Kein Chef, der auf Kontrolle hält, sollte jetzt fehlen. Tatsächlich aber weilt er in Zürs oder St. Moritz und genießt die steilen Abfahrten im Pulverschnee. Daheim im Büro aber erklimmt die Mitarbeiterinitiative gefährliche Höhen.

Jens Jessen ist Feuilleton-Chef der ZEIT