Fritz Sapon kennt das Ritual schon. Es wird laufen wie jedes Jahr, und doch ist er jedes Mal ein bisschen aufgeregt, wenn er sich auf dem Männerklo des Chemischen Instituts der Universität von Manila auszieht: erst Schuhe und Hose, dann Hemd und Strümpfe und zum Schluss die Unterhose. Sein Gesicht vermummt er mit einem Tuch – so weit geht der Mut dann doch nicht. Schließlich schnappt er sich ein Plakat und rennt los – er und rund 30 Brüder seiner Verbindung Alpha Phi Omega. Splitternackt rennen sie über den Campus, vorbei an Fernsehkameras und grölenden Studenten, die das Spektakel mit ihren Handys fotografieren.

»Das Gefühl ist unbeschreiblich«, sagt Fritz, der Vorsitzender von Alpha Phi Omega ist. »Eine Mischung aus Erregung, Nervosität und Adrenalin.« So war es von seinem ersten Nacktlauf im Jahre 2003 an. Er sagt, dass es Spaß mache, wenn die Studentinnen kreischten, kicherten und die Hände ausstreckten, um ihn zu berühren. »Ich mache es aber nicht deswegen. Es geht mir um den Protest.«

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1977 haben Mitglieder der prominenten Studentenverbindung erstmals auf diese Weise protestiert, als der damalige Diktator Ferdinand Marcos ein Theaterstück verbieten ließ, das Menschenrechtsverletzungen anprangerte. Seitdem gibt es den Nacktlauf jedes Jahr, immer zu einem anderen Thema. Die Nacktläufer haben gegen die Erhöhung der Studiengebühren um 300 Prozent protestiert, sie haben den Rücktritt der umstrittenen Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo gefordert und sich für Aids-Aufklärung eingesetzt. »Wir entscheiden erst kurz vorher, wofür wir laufen«, sagt Fritz, »vielleicht laufen wir diesmal dafür, dass es bei der nächsten Präsidentenwahl keinen Betrug gibt.«

Das Vorbild für den sogenannten Oblation Run ist die bronzene Statue eines Jünglings, die am Haupteingang der Universität steht. Oblation – Opfergabe – heißt sie und symbolisiert die Aufopferung der Studenten für ihr Land. Früher war der Jüngling nackt, heute bedeckt ein Feigenblatt seine Genitalien.

In dem konservativen Land, wo 80 Prozent der Bevölkerung katholisch sind, erregen die Nackten jedes Jahr aufs Neue großes Aufsehen. Der Justizminister Raul Gonzales kritisierte die liberale Universität kürzlich mit den Worten, sie bringe nur Unruhestifter und Nacktläufer hervor. Die Verbindungsbrüder waren entzückt. Sie organisierten spontan einen außerordentlichen Nacktlauf – zu Ehren des konservativen Ministers.