ZEIT CAMPUS: Frau Brandstetter, wofür brauchen wir überhaupt eine Tanzwissenschaft?

Gabriele Brandstetter: Das ist eine typische Frage, der sich ein neues Forschungsgebiet stellen muss – alle anderen Kunstwissenschaften sind an den Unis bereits etabliert, danach fragt keiner mehr. Anhand des Tanzes lassen sich mehr Aspekte unseres gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenlebens erklären, als man zunächst vermuten würde.

ZEIT CAMPUS: Als Deutschlands erste und einzige Professorin für Tanzwissenschaft haben Sie die Disziplin hierzulande etabliert.

Brandstetter: Ich bin als Kind ein ganzes Jahr lang krank gewesen, das hat wohl mein Bewusstsein für die Bedeutung von Bewegung geschärft. Getanzt habe ich aber erst als Teenager – zu spät, um Profi zu werden. So habe ich mich der Theorie und der Geschichte des Tanzes zugewandt. Während des Studiums und meiner Lehrtätigkeit in Literatur- und Theaterwissenschaft habe ich überall Tanz gesehen und zu meinem Thema gemacht, bis mir 2003 schließlich eine Professur dafür übertragen wurde.

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ZEIT CAMPUS: Der Tanz als Forschungsgegenstand hat ja ein Problem: Er ist sehr flüchtig.

Brandstetter: Dennoch können wir seine Geschichte erforschen! Das Problem haben doch andere Wissenschaften genauso. Wenn ein Historiker etwa den Alltag im Mittelalter rekonstruieren will, kann er das auch nur auf der Basis erhaltener Dokumente tun; die Vergangenheit zurückrufen kann er auch nicht. In der Tanzwissenschaft sind wir vielleicht sensibler für solche Schwierigkeiten – und sehen sie als theoretische und methodische Herausforderung. Die Tanzwissenschaft ist mit ihrem Gegenstand in ständiger Bewegung. Durch die Videoaufzeichnung gibt es nun immerhin die Möglichkeit, aktuelle Aufführungen festzuhalten, wenn sie auch das unmittelbare Erlebnis nicht ersetzt.

ZEIT CAMPUS: Wie aber lässt sich eine Bewegung in ihrer Geschwindigkeit analysieren?

Brandstetter: Indem man sie in einzelne Faktoren zerlegt, wie Motorik oder Kraftaufwendung und Spannung. Das Ballett etwa ist eine Tanzform, in der jede Bewegung aussehen soll, als wären die Tänzer überhaupt nicht an die Erdanziehungskraft gebunden. Das erreichen sie, indem sie durch Anstrengung und Technik eine Gegenspannung nach oben entwickeln; so wirken sie fast schwerelos.

ZEIT CAMPUS: Was durch ihre Tüllröckchen noch unterstrichen wird.

Brandstetter: Ja, Kostüme wie die Tutus spielen in der Tanzwissenschaft eine große Rolle, da sie bestimmte Körperbilder vermitteln. Das geht von den Bauhaustänzen in den zwanziger Jahren, bei denen die Tänzer in geometrische Figuren verwandelt wurden, bis hin zum Postmodern Dance, in dem ein Unisex-Leotard, ein enger Körperanzug, das Thema Geschlechtlichkeit neutralisieren soll. Außerdem untersuchen wir, wie sich die einzelnen Körper durch die Choreografie in Raum und Zeit aufeinander beziehen. Die Frage ist immer: Welche Ästhetik zeigt sich in welchem kulturellen Kontext?ZEIT CAMPUS: Welche Trends gibt es aktuell?

Brandstetter: Einer ist, dass Bewegungen gezeigt werden, die wir aus unserem alltäglichen Bewegungsradius ausschließen. Das kann auf das Publikum sehr provokant wirken, wenn etwa in einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der alle schön und fit aussehen wollen, auf der Bühne Körper tanzen, die sich radikal hässlich und in sich selbst zerrissen gebärden. Ein weiterer Trend, an dem ich auch gerade forsche, ist die Absage an die Virtuosität.