ZEIT CAMPUS: Das heißt?

Brandstetter: Die Leistung eines Virtuosen liegt durch ihre Exzessivität ja so weit über dem Standard, dass sie alle in Staunen versetzt. Im Tanz des 19. Jahrhunderts spielte das eine große Rolle. Heute geht es in der gesamten Gesellschaft darum, wie man Leistung an und über Grenzen treibt, ob in der Wissenschaft, in der Wirtschaft oder auch in der Populärkultur – ein Auftritt von Madonna ist zum Beispiel hochvirtuos. Im Gegensatz dazu arbeiten die interessantesten Choreografen jetzt daran, Standards zu unterbieten und zu hinterfragen.

ZEIT CAMPUS: Die Kunst grenzt sich ab?

Brandstetter: Ja, und sie begibt sich auf die Suche nach einer anderen Form von Produktivität, die nichts mit permanenter Leistungssteigerung zu tun hat. Somit kann sie auch zum Vorbild für ein gesellschaftliches Umdenken werden.

ZEIT CAMPUS: Was können wir noch vom Tanz lernen?

Brandstetter: Alle Formen von Tanz sensibilisieren uns dafür, in welcher Weise wir uns in Gruppen bewegen.

ZEIT CAMPUS: Geht es in der Tanzwissenschaft also auch um den Gesellschaftstanz?

Brandstetter: Ja, denn darin zeigen sich kulturelle Eigenheiten besonders. Vergleichen Sie nur die Erotik, die der Hüftschwung im Salsa zeigt, mit den Bewegungen der mittelalterlichen deutschen Branles, bei denen sich die Paare nur an den Fingerspitzen berühren.

ZEIT CAMPUS: In Ihre Forschung beziehen Sie oft andere Disziplinen mit ein. Unter anderem dafür haben Sie 2004 den Leibniz-Preis bekommen.

Brandstetter: Der Tanz hat sehr viele Berührungspunkte mit anderen Disziplinen. Natürlich mit den Künsten; die Literatur beispielsweise ist voll von Tanzfan-tasien: Thomas Manns Tonio Kröger beschreibt seine Tanzstunde, Goethes Werther verliebt sich in seine Lotte, als sie einen Walzer tanzen... Auch die Architektur steht in einem faszinierenden Spannungsfeld zur Bewegung.

ZEIT CAMPUS: Die Architektur?

Brandstetter: Ja, sie denkt die Körper immer mit, die sich im Raum bewegen, auch wenn sie nicht in jedem Modell auftauchen. Noch interessanter finde ich aber die Bezüge zu scheinbar fernen Bereichen wie den Neurowissenschaften. Spannend ist zum Beispiel das Verhältnis zwischen Tänzern und Zuschauern – warum sehen wir uns eigentlich gerne Tanz an?