Als Fritz Filter nach Darmstadt kam, trugen die Studenten noch Schlaghosen und Blumenhemden. Es war in den Siebzigern, Filter war ein stiller Student, die erste Spur, die er hinterließ, war ein Übungsentwurf mit seinem Namen darauf. Kein Professor wunderte sich, der Entwurf schien in Ordnung. »Damals kontrollierte niemand die Matrikelnummer, und im Prüfungssekretariat gab es nur handgeschriebene Karteikarten«, erzählt Jo Eisele, Professor an der TU Darmstadt. Also stellte man, ganz korrekt, einen Schein aus. Student: Fritz Filter. Leistung: Übungsentwurf Baukonstruktion. Bestanden.

Über die Jahre sammelte Fritz Filter einen Schein nach dem anderen. Die Professoren merkten nicht, dass seine Schrift immer eine andere war. Sie hörten auch nicht das Kichern der Studenten, wenn Fritz wieder bestanden hatte. Erst im Sommer 2004 dämmerte ihnen, dass etwas faul war. Da gab Fritz seine Diplomarbeit ab: Das rosafarbene Modell einer Eliteschule. »Der Grundriss war die Kopie unseres Instituts. Da wussten wir, dass es ein Scherz war«, erzählt Eisele. Um keine Spielverderber zu sein, prüften sie die Arbeit dennoch. Endnote: Bestanden. Herr Dipl.-Ing. Fritz Filter! Die Studenten johlten.

Fritz gehört allen Studenten. So ist er beinahe lebendig

Seither werden immer wieder Diplomarbeiten unter dem Pseudonym eingereicht. Einmal war das Modell ein Schweizer Käse, zuletzt eine Mehrzweckhalle – ein »Event-Space« – samt Luftgitarrenübungsraum und einer Rooftop-Bar mit Aussichtsterrasse im Keller. Und jedes Mal rätseln Darmstädter Studenten: Wer macht sich diese Arbeit? Wer ist Fritz Filter? Auf seinem StudiVZ-Profil ist nur ein grinsendes Schwein zu sehen, im »Über sich selbst«-Feld schreibt er: »Können diese Augen lügen?«

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Dutzende Studenten haben im Laufe der Jahre Fritz Filter am Leben erhalten, und es braucht Zeit und viele Telefonate, einige davon zu finden. Die Urheber der letzten Diplomarbeit sind ein Mann und eine Frau, die darum bitten, ihre Namen nicht zu verraten. »Wir kennen die anderen selber nicht«, sagen sie, »wir haben nur manchmal einen Verdacht. Das Ganze ist ein Spaß, der vom Geheimnis lebt.« Fritz gehöre allen Studenten, auf diese Weise sei er beinahe lebendig.

Die Professoren haben sich an den Schabernack gewöhnt. Jo Eisele hatte neulich wieder so eine Arbeit auf dem Tisch, von einem gewissen Harri Hirsch. Schon klar!, dachte er. Bis Harri Hirsch leibhaftig vor ihm stand. Er hieß wirklich so.