"Weitergehen!", schallt die Stimme des Vaters. Der kleine Adolf steht versonnen am Wegrand und betrachtet die verblühenden Wiesenblumen der Fränkischen Schweiz. Aber selbst im Wanderurlaub duldet der Vater keine Verzögerung. "Weiter jetzt!" Streng überwacht er den schulischen Fortschritt seiner drei Söhne, sorgt für Ordnung in ihrer Freizeit. Noch weiß niemand, dass der zarte Blumenfreund vier Jahrzehnte später einer der führenden Wissenschaftler des deutschen Kaiserreichs sein wird. Der Junge schaut auf die Blumen, schaut zum Vater, murmelt etwas und geht weiter.

In dieser Episode schildert ein Dreivierteljahrhundert später Harnacks Tochter Agnes den jungen Adolf als feinfühliges Kind unter dem Pantoffel des Vaters Theodosius, eines lutherischen Theologieprofessors in Erlangen. Ordnung, Pünktlichkeit und das Erledigen von Aufgaben sind seine Erziehungsmaximen. Vielleicht wird sein Sohn in seinem Leben so viel Wert auf liberale theologische Positionen legen, weil er diese Freiheit im Elternhaus vermisste.

Adolf durchläuft mit seinen Brüdern eine sensationell erfolgreiche Schullaufbahn. Stets sind die drei um Längen Klassenbeste. Noch Generationen später wird man an den Gymnasien in Erlangen und im baltischen Dorpat, dem heutigen Tartu in Estland, wo die Familie später wohnte, von der "Harnackschen Zeit" schwärmen.

Als Studienfach wählt Harnack das Aschenputtel der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, die Evangelische Theologie. Er schreibt sich an der Universität von Dorpat ein, an der Fakultät des Vaters, der plötzlich Milde zeigt. Mit dem Erreichen des Abiturs sieht er seine Erziehungsaufgabe als beendet an und gibt den Sohn frei.

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Harnack studiert mit Hingabe. Aber er ist kein Streber. In der akademischen Verbindung Livonia teilt er das Leben seiner Verbindungsbrüder. Er nimmt die Rolle des Korporierten ein, samt reichlichem Alkoholkonsum und Unfugtreiben. Seinem Naturell nach ist er jedoch ein theologiebesessener Vollstudent. Der Spagat zerreißt ihn fast, und seine Bundesbrüder ziehen ihn wegen dieser Widersprüche auf. Wie kann ein braver Theologiestudent nur so liederlich mitzechen, lästern sie. Dass er als junger Theologe mehr Ernsthaftigkeit von seinen Verbindungsbrüdern fordert, reicht, um ihn als sauren Moralisten zu verspotten. Harnack leidet unter der Spannung und atmet auf, als er 1872 den Studienort wechseln und an die Universität Leipzig übersiedeln kann. Die vielen Verwandten und Bekannten in Dorpat, die ständigen Hänseleien der Verbindungsbrüder – die Enge seiner Heimatstadt hatten ihn bedrückt.