Natürlich wollen alle Eltern das Beste für ihr Kind. Doch die vermeintlich beste Schule muss nicht zwangsläufig die beste Schule für jeden Schüler sein. Grund ist ein Phänomen, das Psychologen als Big-Fish-Little-Pond-Effect (zu Deutsch: Fischteicheffekt) bezeichnen: Man stelle sich einen kleinen Teich vor, und darin schwimmt ein großer Fisch. Klar, dass sich der Fisch ziemlich wichtig vorkommt. Was dafür spricht, Kinder eher auf Schulen zu schicken, in denen sie zu den Leistungsstärkeren gehören. Interessanterweise sind es gerade die Leistungsschwächsten, die am meisten vom Fischteicheffekt profitieren: die Haupt- und Sonderschüler. Ihr Selbstwertgefühl verbessert sich rapide, sobald sie die Grundschule verlassen haben und sich erstmals in einer Gruppe Gleichaltriger wiederfinden, die ihnen nicht ständig ihre intellektuelle Unterlegenheit vor Augen führen. So demonstriert eine Studie überraschende Lernfortschritte etwa im Leseverständnis bei Schülern, die von Grundschulen auf Sonderschulen wechseln. Mit dem Selbstbewusstsein steigt auch ihre Leistungsfähigkeit.

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Ein ganzer Forschungszweig beschäftigt sich unter dem Begriff "Selbstkonzept" mit dem Fischteicheffekt und verwandten Phänomenen. Ein Vorreiter ist das australische SELF Research Centre. Bevor sich dessen Gründer Herbert Marsh des Big-Fish-Themas annahm und ihm seinen schillernden Namen verpasste, sprachen seine deutschen Kollegen in den siebziger Jahren nüchterner vom "Bezugsgruppeneffekt".

Zeitgleich zum Fischteicheffekt laufen weitere Prozesse ab, zum Teil mit entgegengesetzter Wirkung. Der Reflected-Glory-Effect etwa kompensiert den Fischteicheffekt teilweise: Der akademische Ruf der Schule verbessert das eigene Selbstwertgefühl, die Schüler sind stolz auf ihre Schule und indirekt auf sich selbst. Auch umgekehrt gilt das. Hat die eigene Schule ein mieses Ansehen, färbt das auf das Bild ab, das man von sich selbst hat. Was das für Haupt- und Sonderschüler bedeuten kann, ist offensichtlich. Zwar werden sie nicht ständig mit ihren Schwächen konfrontiert, doch sie wissen genau, dass sie stigmatisierte Schulformen besuchen. Der Wackelkandidat auf dem Gymnasium kann sich immerhin damit trösten, dass er es in die Oberstufe geschafft hat. Studien haben jedoch gezeigt, dass der Reflected-Glory-Effect eine deutlich schwächere Wirkung hat als der Fischteicheffekt.

Der Autor, 33, ist Redakteur im Ressort Chancen der ZEIT.