Selbst die schönsten Knospen werden irgendwann erblühen und vergehen. Der Trost besteht darin, dass der Strauch nun hoffentlich Früchte trägt. Anders formuliert: Woran merkt man, dass man kein Anfänger mehr ist in seinem Beruf? Man merkt es vor allem daran, dass einem vieles leichter von der Hand geht. Man merkt es aber auch daran, dass die Abteilung einen nun nicht mehr als vielversprechendes Talent behandelt. Was auch immer man versprach (vielleicht wusste man es gar nicht) – jetzt hat es sich gezeigt. Die Wundertüte, als die jeder Mensch ins Berufsleben eintritt, hat ihren Inhalt preisgegeben. Vielleicht war, wie ich als Kind immer hoffte, wenn ich eine Wundertüte kaufte, eine Wasserpistole darin; vielleicht aber auch nur eine Puppenbürste aus Gummi.

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Der Überraschungszauber des Beginns ist jedenfalls vorüber, und die Selbsterfahrung, die sich dabei einstellt, kann etwas Ermutigendes, aber auch Ernüchterndes haben. Es zeigt sich, dass man den Aufgaben, die einen anfangs erschreckten, durchaus gewachsen ist. Es zeigt sich aber auch, dass man sich über die seltsamen Praktiken der Branche, die man wählte, nicht mehr so wundert wie anfangs; und das ist schlecht. Verwunderung steht nicht nur am Anfang aller Philosophie, wie Platon sagte, sondern ist auch die Quelle jeglicher Kreativität. In dem Maße, in dem Selbstverständlichkeiten das ursprüngliche Staunen, vielleicht auch Widerstreben überwuchern, erlischt der Wunsch, alles neu und anders zu machen.

Stellen Sie sich vor, Sie waren als junger Außendienstmitarbeiter mit einem ausgekochten Salesmanager auf Tour, Sie haben die trostlosen Vertreterhotels erlebt und das abendliche Gerede über "Schlagzahl" und "Schlagkraft" der "Kundenansprache", Sie haben sich darüber empört, dass sich hinter dem Schlagwort der hoch geschätzten "Abschlusssicherheit" nichts als Kundenfang verbirgt, der langfristig keinen Nutzen für die Firma bringt – und nun? Nun haben Sie begriffen, dass das Geschäft eben so läuft, Sie haben den verhassten Außendienst hinter sich gebracht, Sie sitzen friedlich und resigniert an Ihrem erhöhten Schreibtisch, von dem aus Sie die Schlechtigkeit der Welt gelassen überblicken.

Das ist für die Abteilung und die Vorgesetzten sehr erleichternd, es fördert auch den eigenen Seelenfrieden, doch für die innerbetriebliche Selbstkritik, die Überleben und Marktanpassung einer Firma sichert, sind Sie wertlos geworden. Aber was tut Gott? Gott sorgt dafür, dass der Mensch unzufrieden bleibt. Und so ist es auch mit den alten Hasen im Beruf. Die Abgebrühtheit verfliegt wieder, Ärger und Verdruss der Jugend kehren mit Macht zurück, sie krempeln die Ärmel hoch und misten den ganzen Augiasstall verkommener Praktiken und tradierter Schweinereien endlich aus. Dann sind Sie mehr als ein alter Hase, dann sind Sie Profi geworden. Denn die reine Anpassung, das Sich-Abfinden mit dem schlechten Gegebenen, ist niemals professionell.

Jens Jessen ist Feuilleton-Chef der ZEIT